• account_circle Das meint unser Herausgeber ...

    Luther geht in diesen beiden Abschnitten der grundlegenden Frage nach, warum der Mensch überhaupt etwas Gutes tun muss. Ja, muss er das denn überhaupt? Nicht zu Unrecht wirft Luther den Einwand selber auf: Wir sind doch schon gerechtfertigt im Glauben ohne unser Tun, wozu dann überhaupt noch aktiv werden?

    Diese Frage ist und bleibt höchst brisant und heikel. Entscheidet sich doch gerade in der Bewertung unseres Handelns, wie ernst es uns ist mit der Rechtfertigung alleine durch Glauben. Luther wagt es hier vor das Tun das Wörtchen „müssen“ zu setzen. Wir müssen etwas tun. Steht das nicht tatsächlich in eklatantem Widerspruch zu seiner Kernaussage? Gerät man nicht hier geradezu auf direktem Abweg wieder zu einer Theologie, bei der die Taten zwar dem Glauben folgen, aber eben folgen müssen und dadurch gewissermaßen durch die Hintertür eine nachgeschobene Voraussetzung der Rechtfertigung werden? Wie denn jetzt: Müssen wir für unsere Seligkeit arbeiten oder nicht?

    Zwei Aspekten sollte in der Antwort Luthers auf diese Frage besondere Beachtung geschenkt werden. Jenseits seines vehementen Festhaltens an der alleinigen Rechtfertigung durch den Glauben auch in diesen Abschnitten hebt Luther hervor, dass auch der gerechtfertigte Mensch noch in der Welt steht. Der Mensch muss „seinen eigenen Leib regieren und mit Leuten umgehen“. Hier spricht kein Moralprediger, sondern die naturgegebene Notwendigkeit. Wir müssen uns, ob wir wollen oder nicht, verhalten zu der Welt, die uns umgibt. Selbst wenn wir nichts tun, verhalten wir uns ja schließlich zu ihr. Die Frage ist nun nur noch, was genau wir tun und wie wir es tun.

    Gerade hier nun schafft es Luther, meiner Meinung nach, der moralischen Pflichtkeule auszuweichen. Was genau müssen wir tun? Wir müssen, auch hier wieder nicht aus Pflicht sondern aus Notwendigkeit, in Übereinstimmung mit uns selbst handeln. An den Taten des Menschen erkennt man nicht sein Wesen, aber sein Wesen hat dennoch erheblichen Einfluss auf das, was er tut. Wenn ich das tue, auf was ich Lust habe und was ich richtig finde, nur dann habe ich auch das Gefühl, etwas sinnvolles zu tun. Und ich bin unzufrieden, wenn ich gegen meine Überzeugungen gehandelt habe.

    Was Luther, salopp formuliert, sagt: Sei du selbst und handle dementsprechend. Der Glaubende aber ist der Gerechtfertigte. Er hat innerlich Freude an Gott. Keine echte Freude kann man hinter dem Berg halten. Wer wirklich froh ist, könnte die Welt umarmen und wird es auch regelmäßig versuchen. Die Freude muss heraus und sich zeigen und zwar aus dem einfachen Grund, dass es ihrem Wesen entspricht.

    Es geht Luther beim Handeln also weder um eine äußerlich aufgelegte Pflicht noch um eine völlige Planlosigkeit und Willkür. Es geht ihm um ein Handeln, das dem gerechtfertigten Menschen entspricht und ihn deswegen „fröhlich“ macht „und voller Lust um Christi willen“.

    Reicht das? Kann man seine Handlungen wirklich anhand dieser Kriterien messen oder scheitert dieses Modell letztlich doch an seiner Unterordnung der Ethik und Moral unter die Rechtfertigung des Einzelnen? Wird hier nicht doch durch die Unterordnung des äußeren unter den innerlichen Menschen ein höchst moralisches Menschenbild propagiert? Diskutiert mit!


    Lars , Tübingen

Was meinst Du ?