• account_circle Das meint unser Herausgeber ...

    Erstgeborener Gottes, dadurch König und Priester: Luther zeichnete im letzten Abschnitt ein überaus machtvolles Bild von Jesus Christus. Dass diese Funktionen „geistlich verstanden“ werden sollen verstärkt den Eindruck noch: Indem der Erlöser herrscht, sich opfert und lehrt wirkt er „im Himmel, auf der Erde und in der Hölle“. Bei einem solchen Bild fallen mir Darstellungen von Christus als „Allherscher“ (griechisch: Pantokrator) ein, wie sie zum Beispiel in der Basilica S. Pudenziana in Rom abgebildet sind: Christus sitzt erhöht, im goldenen Gewand, darunter die Gläubigen.

    Ein Bild, das eine klare Hierarchie zu zeigen scheint, wie das „Top-Down-Management“ in einem traditionellen Unternehmen. Der Chef leitet von oben herab, die Untergebenen haben seine Weisungen zu empfangen, direkt von ihm oder von mittleren Vorgesetzten. Desto aufregender ist die Passage aus dem ersten Petrusbrief, mit dem Luther den Textabschnitt dieser Woche einleitet: Könige und Priester sind auch die Christen! Die gerade so eindrücklich beschriebene Macht Jesu, welche „geistlich verstanden“ die Welt überschreitet, an dieser bekommen die Gläubigen Anteil.

    Das ist keine simple Oben-Unten-Strukur mehr; statt einer Hierarchie entsteht das Bild einer Gemeinschaft, in der Herrschaft nicht mehr gleichbedeutend mit Gewaltausübung ist. Indem Christus herrscht, macht er erst die Gläubigen mächtig und unabhängig von irdischen Zwängen; indem er selbst Priester ist, erlaubt er ihnen direkt vor Gott zu treten, ohne sich der Herrschaft selbsternannter irdischer Priester beugen zu müssen.

    „Siehe, was ist das für eine wertvolle Freiheit und Macht der Christen!“ Kann ich mich dem uneingeschränkt anschließen? Missbrauchte Macht, Tod und Leid gibt es weiter in der Welt, wie Luther auch zugesteht. Das Leben erscheint immer mangelhaft, endlich, defizitär. Luther schlägt demgegenüber, mit Blick auf Christus, eine radikal andere Perspektive vor: im Glauben kann der Christ aus dem „Überfluss“ (Absatz 16) schöpfen. Er muss sich nicht als als Unterworfenen sehen, sondern er ist befreit, einen neuen Blickwinkel einzunehmen. Das Endliche ist gerade der Bereich, wo ihm die geistliche, und damit auch vom Tod nicht begrenzte Herrschaft Jesu Christi begegnet.

    Luther denkt sich seine flachen Hierarchien von der Wurzel her, also radikal (von lateinisch radix = Wurzel): Gerade weil Christus an der Spitze steht ist irgendeine Form von ‘mittlerem Management’ zwischen ihm und den Gläubigen nicht zugelassen. Der Vorsitzende versetzt seine Untergebenen sogar ein Stück weit in seine eigene Position: sie werden durch den Glauben „auch alle Könige und Priester“ mit ihm und dadurch, wie er, nicht nur „aller Dinge mächtig“, sondern sogar „Gottes mächtig“. Das ist kein Fehler in unserer Übertragung des Textes, sondern so skandalös, wie es dasteht: „Das Priestertum bedeutet Macht über Gott“, bestätigt ein aktueller Kommentar zur Freiheitsschrift (s. 216). Ist das möglich? Oder liegt unser Reformator hier einfach falsch?*



    jakobdontospamme@gowaway.freiheit2017.net

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