• account_circle Das meint unser Herausgeber ...

    Luther geht hier gleich aufs Ganze: Es geht ihm um die Freiheit des Menschen, aber nicht um irgendeine! Es ist nicht die Freiheit zu tun und zu lassen, was ich will, die Freiheit zu reden, zu schweigen oder Grenzen zu überschreiten. Luther beschreibt keine Freiheiten, sondern er gibt an, woher die Freiheit komme: Jesus Christus. Durch diese geschenkte Freiheit sollen wir dann ganz grundsätzlich erkennen können, nicht was ein Mensch, sondern „was ein Christenmensch sei“. Ein Christenmensch? Geht es Luther also gar nicht um die Freiheit überhaupt, sondern nur die, welche mit Christus zu tun hat, und auch nicht um alle Menschen, sondern nur um diejenigen, welchen Christus Freiheit geschenkt hat? Ja, so steht es im Text. Trotzdem, so meine ich, geht es hier um die Freiheit für jeden Menschen. Luther schreibt in der Vergangenheit, dass Christus die Freiheit schon „erworben und gegeben hat“. Sie ist, wenigstens als Angebot, für jeden Menschen da. Ein Christenmensch, könnte man sagen, ist jeder Mensch, weil ihm dieses Angebot durch Jesus Christus gemacht ist.

    Gleich mit dem zweiten Satz schränkt Luther meine Freude über diese Freiheit aber gleich wieder ein: Ein „freier Herr“ will ich schon sein, aber auch „ein dienstbarer Knecht“? Die widersprüchliche Aussage wird nicht weiter erklärt, allein gut reformatorisch mit Bibelstellen belegt. Das liegt daran, dass hier gerade das Problem liegt, das im Folgenden bearbeitet werden soll. Es sind eben „Beschlüsse“, also Ergebnisse einer Untersuchung, die wir noch vor uns haben - in den nächsten Absätzen der Freiheitsschrift.

    Ein paar Hinweise, wohin die Reise führen wird, finden sich aber schon in diesem Absatz: Ein Herr kann ich nur über andere, ein Knecht nur unter einem Herrn sein. Frei oder unfrei, der Mensch ist immer in einer Beziehung, in einer Gemeinschaft. Im Alltag hat die Freiheit aber immer Grenzen, wo die Freiheit des anderen anfängt, wo ich mich, etwa in der Uni oder im Betrieb, einer größeren Organisation unterordnen muss. Bei Luthers Vorstellung von Freiheit und Knechtschaft ist das ganz anders und viel radikaler: Freiheit gibt es nicht in Teilen, sondern nur „über alle Dinge“, die Knechtschaft ist gleichermaßen total. Dies gilt für die Menschen und sogar für Gottes Sohn (siehe die Angabe von Gal. 4,4). Mehr Spannung als diese kann man kaum in den Anfang eines Aufsatzes legen.

    Die Herrschaft über alle, die absolute Knechtschaft unter allen - das kann auf den ersten Blick nicht gleichzeitig wahr sein. Doch genau das behauptet der Text im zweiten Absatz. Wie der Mensch durch Christus (nach Röm 5,12-20) zugleich alt und neu, ungerecht und gerecht ist, so ist er, nach Luther, auch unfrei und frei zugleich. Vom Freisein wie vom Knechtsein können wir, so Luther, erst reden, wenn wir von Jesus Christus reden. Passt das zu unserer modernen Idee von Freiheit?

    jakobdontospamme@gowaway.freiheit2017.net

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    freiheit2017.net hat noch mehr zu bieten – hier findest Du Hintergrundinformationen und Weiterführendes zum Text:

    • Im Freiheitsblog gibt es mehr Meinungen zur Gegenüberstellung von Freiheit/Knechtschaft.
    • In einem lesenswerten Artikel von 2011 ist Robert Leicht der Meinung, dass Luthers Freiheitsvorstellung so viel mit unserer nicht zu tun hat, aber wir viel von ihm lernen können.

    Jonathan (jonathandontospamme@gowaway.freiheit2017.net) empfiehlt folgenden Lesestoff:

    • Christine Axt-Piscalar / Mareile Lasogga (Hg.) im Auftrag der VELKD: Dimensionen christlicher Freiheit. Beiträge zur Gegenwartsbedeutung der Theologie Luthers, Leipzig 2015.
    • Martin Laube (Hg.): Freiheit, Themen der Theologie 7, Tübingen 2014.
    • Markus Mühling (Hg.): Gezwungene Freiheit? Personale Freiheit im pluralistischen Europa, Göttingen
    • Birgit Recki: Freiheit, Grundbegriffe der europäischen Geistesgeschichte, Wien 2009.

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