• account_circle Das meint unser Herausgeber ...

    Was Luther hier schreibt, ist eine Predigtlehre im Hosentaschen-Format – im klassischen Dreischritt: zuerst muss geklärt werden, wie man es nicht macht. Danach wird entfaltet, wie man es richtig macht – und zum krönenden Abschluss gibt es einen Ausblick darauf, was passiert, wenn man es denn richtig gemacht hat.  Und wenn man es das erste Mal liest, dann kommt es einem doch ganz schlüssig vor: wer will denn, wenn er Sonntags früh zur Kirche geht, einen trockenen Lehrvortrag über den „Historischen Jesus“ hören – oder gar eine der so berüchtigten wie häufigen Moralpredigten? Es ist schon richtig:  wenn ich zur Kirche gehe, dann erwarte ich das Wort, das mich trifft – was Christus „mir gebracht und gegeben hat“. Selbst dann, wenn ich gerade nicht von Selbstzweifeln und Höllenangst geplagt die Frage nach dem gnädigen Gott stelle: was das alles mit mir zu tun hat, wäre schon gut zu wissen.

    Aber das ist eine rhetorische Binsenweisheit. Schon Cicero hat es den Römern eingebläut, dass die Zuhörer einer Rede wissen wollen, warum sie das etwas angeht, und was es sie angeht, was sie da hören. Wie man das dann aber macht – das ist eine andere Frage. Und sie stellt sich für den Prediger jede Woche aufs Neue. Wie mache ich es denn jetzt, dass „der Glaube draus erwachse und erhalten werde“?

    Der inzwischen verstorbene Rudolf Bohren, der lange in Heidelberg Homiletik lehrte, ist dieses Problem mit seinem Konzept von der „theonomen Reziprozität“ angegangen. Das klingt unglaublich kompliziert, liest sich aber logisch: wenn das, was Luther hier beschreibt, gelingt, dann ist das das Werk des Heiligen Geistes. Es ist ein Wunder, jedes mal aufs Neue, dass man „recht auslegt die christliche Freiheit“. Dieses Wunder geschieht aber ganz irdisch, durch den Mund eines Menschen. Er hat sich intensiv auf seine Predigt vorbereitet, bedient sich der besten rhetorischen Mittel – aber „dass der Glaub draus erwachse und erhalten werde“, ist und bleibt Gottes Werk. So wird das menschlich Machbare von Gott in den Dienst genommen, um das Wunder des Glaubens zu wirken: „wenn ein Herz so von Christus hört, dann muss es von ganzem Grund fröhlich werden...“

    Aber entschärft das die Forderung Luthers nicht vorschnell? Ihm geht es an dieser Stelle nicht um das Wie, sondern um das Was. Existenzielle Ansprache statt moralinsaurer Belehrung: das ist christliche Predigt. Das kann man nicht oft genug sagen. Oder?


    Tobias Jammerthal, Tübingen

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