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    In den Abs. 8 bis 10 präzisiert Luther seine Gedanken zum Freiheitsbegriff und führt ihn zu einem vorläufigen Abschluss. Dazu verschränkt er die beiden großen Teile der Bibel mit der in den Abs. 5 bis 7 zur Sprache gekommenen Rechtfertigung aus Glauben, indem er AT und NT voneinander scheidet und ihnen zugleich eine soteriologische Funktion beimisst: Das Alte Testament wird von Luther vorzugsweise als „Gebot oder Gesetz Gottes“ betrachtet, während das Neue Testament Gottes „Verheißung oder Zusage“ zum Ausdruck bringt.

    Damit bringt Luther die in der Rezeption klassisch gewordene Unterscheidung von Gesetz und Evangelium ins Spiel: Das im Alten Testament niedergeschriebene Gesetz beinhaltet die Anforderungen Gottes an den Menschen. Die göttlichen Gebote kann der Mensch aber nicht erfüllen. Deshalb dient das Gesetz – in theologischer Hinsicht – dazu, dem Menschen seine eigene Mangelhaftigkeit zu spiegeln und ihn der Sünde zu überführen (usus elenchticus legis). Mit eigenen „gute[n] Werke[n]“ kann er diesen Zustand nicht überwinden. Die Folge ist, dass der Mensch „an sich selbst […] verzag[t]“.
    In diese Situation der Niedergeworfenheit spricht Gott dem überführten Menschen sein „andere[s] Wort“ zu: die im Neuen Testament dokumentierte Zusage und Verheißung, das Evangelium. Dieser Zuspruch transferiert den Menschen aus einem trostlosen in einen hoffnungsvollen Zustand. Denn im Evangelium begegnet er Christus. Der Glaube an Christus, erlöst ihn aus seinem elenden Zustand und beinhaltet sogar die Erfüllung des ganzen Gesetzes. Gesetz (AT) und Evangelium (NT) haben also für Luther primär eine soteriologische Funktion: Es geht um nichts anderes als um das (ewige) Heil des Menschen.

    Wichtig ist Luther dabei stets, dass es Gottes alleinige Souveränität ist, einerseits sowohl die Forderungen des Gesetzes als auch die Verheißung des Evangeliums aufzustellen und andererseits den Menschen sowohl in den „überführten“ als auch in den „seligen“ Zustand zu versetzen: „[Gott] befiehlt allein, er erfüllt auch allein.“ Deshalb ist die von Luther aufgezeigte soteriologische Dynamik allein auf Gottes Gnade zurückzuführen.

    Wird man von Gott aber in den Status des Glaubens bzw. des Heils überführt, so spielt das Gesetz keine soteriologische Rolle mehr. Die Gebote verlieren ihre Heilsrelevanz. Denn der Glaube an Christus reicht aus und ist sogar das einzige Heilsmedium. Dies wird nun mit dem Freiheitsbegriff verknüpft: Wenn das Gesetz für den Menschen keine soteriologische Bedeutung besitzt, dann ist er von der Befolgung der Gebote – von Gesetz und Werken – befreit. Luthers Freiheitsbegriff ist deshalb vor allem theologischer, genauer soteriologischer Natur: „Das ist die christliche Freiheit, der eine Glaube, der nicht macht, dass wir müßiggehen oder übeltun, sondern dass wir keines Werkes bedürfen, um Güte und Seligkeit zu erlangen“.

    Der (Christen-)Mensch wird durch Gott in Christus zur – religiösen – Freiheit befreit! Mit Bezug auf den Kontext beinhaltet dies auch die Freiheit von Kirchen und Ämtern als Heilsanstalten. Luthers Freiheitsbegriff ist demnach dezidiert theologisch-religiös begründet.

    Gregor Bloch (gregordontospamme@gowaway.freiheit2017.net)

  • directions_run Mehr Infos zum Ansehen und Nachlesen

    Einführende und weiterführende Literatur:

    • Dietrich Korsch: Erläuterungen, in: Martin Luther, Von der Freiheit eines Christenmenschen (Große Texte der Christenheit 1), hg. u. komment. v. Dietrich Korsch, Leipzig 2016, S. 74-164; bes. S. 89-121.
    • Rochus Leonhardt: Grundinformation Dogmatik, Göttingen ⁴2009, S. 334-343.
    • Das Bibellexikon WiBiLex zu „Gesetz und Evangelium – Evangelium und Thora“.

    Der Genfer Reformator Johannes Calvin (1509-1564) misst dem Gesetz noch eine andere theologische Bedeutung zu. Dieser sogenannte „dritte Gebrauch“ des Gesetzes hat in großen Teilen des reformierten Protestantismus bis heute eine Bedeutung:

    • Johannes Calvin: Unterricht in der christlichen Religion.  Institutio Christianae Religionis, nach der letzten Ausgabe v. 1559 übers. und bearb. V. Otto Weber, im Auftrag des Reformierten Bundes bearb. und neu hg. v. Matthias Freudenberg, Neukirchen-Vluyn 2008, S. 186-192; bes. 190f. (Onlineausgabe der Auflage von 1955/1997)

      Eine alternative Position zu Luther:

      • Karl Barth: Evangelium und Gesetz, in: Theologische Existenz Heute 32 (1952), S. 1-30.

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