29.04.17

Szenen einer Hassliebe

Zum Debattengegenstand „Freiheitsbegriff“ in den Politik- und Sozialwissenschaften. Martin Schiller, Doktorand an der Freien Universität Berlin.

Kaum ein Vortrag, Fachartikel oder eine Abschlussarbeit in einer der Politikwissenschaft nahestehenden Disziplin kommt ohne direkte oder indirekte Bezüge zu ihm aus: Dem Begriff „Freiheit“. Und doch scheint er in theoretischen Debatten wie auch empirischen Befunden alles andere als sexy, nicht zuletzt aufgrund der tagespolitischen Abnutzung des Begriffs à la „Wie können wir Freiheit garantieren und Sicherheit gewährleisten?“

von Martin Schiller - Doktorand an der Freien Universität Berlin (Mail)

Freiheit ist omnipräsent und zugleich zutiefst kontrovers. Sprechen wir von Freiheit oder Freiheiten? Handelt es sich um einen Zustand oder einen Prozess? Eine soziale Realität oder ein Konstrukt? Gilt er universell oder nur im globalen Norden? Inwiefern kann man Freiheit tatsächlich messen und wo liegt der Übergang zur Unfreiheit, also zum Zwang? Und schließlich: Welche Akteure und (Macht-) Strukturen sind an der Schaffung, Erhaltung und Zerstörung von Freiheit beteiligt?

(Un-)Freiheit? Wenn ja, wie viele ?

Neben einem kurzen theoretischen Exkurs, der bewusst nicht auf eine in der Politikwissenschaft beliebte Begriffsbestimmung abzielt, lohnt sich ein Blick auf Phänomene in der Lebenswelt, wo „Freiheit“ eine Rolle spielt. Von Freiheit sprachen Revolutionäre auf dem Tahrir-Platz 2011 in Kairo und singen syrische Rebellen im Bürgerkrieg 2017. Von Angriffen auf die „freiheitlich-demokratische Grundordnung“ reden François Hollande oder Angela Merkel regelmäßig nach Terroranschlägen. Ungarns Ministerpräsident Victor Orbán fordert den „illiberalen Staat“. Und googelt man „Freiheit verteidigen“, landet man schnell bei Rechtspopulisten der Freiheitlichen Partei Österreichs oder der niederländischen Partij voor de Vrijheid (zu deutsch Partei für die Freiheit). Anhand verschiedener Beispiele, die nur einen Bruchteil des wissenschaftlichen Diskurses veranschaulichen können, soll folgendes deutlich werden: Freiheit ist ambivalent, wird paradoxal verwendet und ist immer kontextuell gebunden.