29.04.17

fromm = fromm? Ein Sprachproblem und ein Lösungsversuch

Einer der wichtigsten und am häufigsten verwendeten Begriffe in Luthers Freiheitsschrift sind das Adjektiv ‚frum‘ und das Substantiv ‚frumkeyt‘, also unsere Wörter ‚fromm‘ und ‚Frömmigkeit‘. Doch meint Luther damit, was wir darunter verstehen?

Wer einen 500 Jahre alten Text zum besseren Verständnis ‚leicht modernisieren‘ möchte, der steht vor einer großen Herausforderung. Denn man muss irgendwie damit umgehen, dass sich die Bedeutung und die Verwendung von Wörtern über die Zeit ändern. Und noch komplizierter wird es, wenn die Wörter, die heute eine andere Bedeutung haben, selbst Übersetzungsversuche aus anderen Sprachen sind. So ist es bei dem kleinen Wörtchen ‚fromm‘ / ‚frum‘.

von Jonathan Reinert - Doktorand an der Universität Tübingen (Mail)

as Phänomen von sich wandelnden Wortbedeutungen und Verwendungsweisen kann man sich an folgendem Beispiel sehr einfach klar machen: Als mein vierjähriger Sohn das erste Mal über irgendetwas freudestrahlend sagte: ‚Das find ich geil!‘, musste ich schmunzeln. Als ich erstmalig als Teenie in der Gegenwart meiner Großeltern das gleiche sagte, haben die nicht geschmunzelt – sie fanden es anstößig. So schnell kann sich also ändern, was man unter einem Wort versteht. Um wieviel mehr gilt dies über einen Zeitraum von 500 Jahren.

Zu den wichtigsten und am häufigsten verwendeten Begriffen in Luthers Freiheitsschrift gehören das Adjektiv ‚frum‘ und das Substantiv ‚frumkeyt‘, also unsere Wörter ‚fromm‘ und ‚Frömmigkeit‘. Für uns gehören diese Wörter ganz selbstverständlich in einen religiösen Kontext: Wenn wir sagen, jemand ist fromm, dann meinen wir, er ist – wie es der Duden ausdrückt – ‚vom Glauben an Gott geprägt; gläubig, religiös‘. Als Fremdzuschreibung kann man positiv und respektvoll jemanden ‚fromm‘ nennen, der von der Sache mit Gott wirklich überzeugt ist; und man kann jemandem negativ ein ‚frommes Getue‘ im Sinne von Scheinheiligkeit vorwerfen. In jedem Fall geht es dabei aber um einen irgendwie gläubigen Menschen.

Das war vor 500 Jahren ganz anders. Einen Hinweis bekommen wir auch hierzu durch den Duden: Dort ist als zweiter Bedeutungsaspekt ‚rechtschaffen, tüchtig‘ angegeben – und zwar mit dem Hinweis: „veraltet“. Tatsächlich war für die Menschen vor 500 Jahren ‚fromm‘ bzw. ‚frum‘ eine ganz weltliche, bürgerliche Eigenschaft, die besonders positiv besetzt war. Wer ‚fromm‘ war, der lebte der gesellschaftlichen Konvention entsprechend ‚normgerecht‘; er oder sie war ehrbar, tapfer, unsträflich, tugendhaft, unschuldig. Was man konkret darunter verstand, war davon abhängig, auf wen man das Wort anwendete: die fromme Gemahlin, das fromme Kind, der fromme Bürger etc. Auch wenn man vom ‚frommen Priester‘ oder vom ‚frommen Christen‘ redete, meinte man nicht in erster Linie, dass sie besonders gottesfürchtig und religiöser als andere waren, sondern dass der Priester seine Aufgaben gut erledigt und dass der Christ anständig lebt, nämlich so, wie es sich für einen Priester bzw. einen Christen gehört. Auch Luther verwendet die Worte ‚frum‘ und ‚frumkeyt‘ häufig in dieser allgemeinen Bedeutung.

In seiner Schrift „Von der Freiheit einen Christenmenschen“ (und auch in einigen anderen Schriften) ist das allerdings anders. Dies lässt sich besonders gut erkennen, weil es parallel zu dem deutschen Text auch eine lateinische Fassung gibt. Oft (aber nicht immer) steht dort an den entsprechenden Stellen ‚iustus‘ und ‚iustitia‘, was wir gewöhnlich mit ‚gerecht‘ und ‚Gerechtigkeit‘ übersetzen. Dem folgen auch die meisten modernisierten Fassungen des deutschen Textes von Luthers Freiheitsschrift: sie schreiben an den Stellen, an denen im Original ‚frum‘ und ‚frumkeyt‘ steht, ‚gerecht‘ und ‚Gerechtigkeit‘. Damit wollen sie das Missverständnis vermeiden, das entstehen würde, wenn man die Stellen mit ‚fromm‘ und ‚Frömmigkeit‘ wiedergeben würde.

Luther hat jedoch selbst gerade nicht von ‚gerecht‘ und ‚Gerechtigkeit‘ gesprochen, wo im lateinischen Text ‚iustus‘ und ‚iustitia‘ steht – und das hat seinen Grund. Die Begriffe haben in Luthers Ausführungen natürlich einen biblischen Hintergrund, und er bearbeitet die zentrale Frage: Wie wird der Mensch ‚gerecht‘ bzw. ‚fromm‘ vor Gott? Die lateinische Bibel (Vulgata) hat an den zentralen Bibelstellen ‚iustus‘ stehen, was die Übersetzung des griechischen ‚dikaios‘ ist, was wiederum von dem hebräischen ‚zadik‘ herkommt. Mit jeder Übersetzung ergeben sich auch bestimmte Bedeutungsverschiebungen, das hat Luther gesehen. Und vor allem hat er festgestellt, dass die bisherigen Übersetzungen ihn theologisch auf eine falsche Fährte gelockt haben. Nachdem ihm das klar geworden ist, hat er sich auf die Suche nach alternativen Formulierungen gemacht. Seine Sprache spiegelt damit seine Theologie. Er äußerte sich dazu auch explizit: „Ich wünschte, dass das Wörtchen ‚iustus‘ / ‚iustitia‘ aus der Bibel sich noch nicht im Deutschen als ‚gerecht‘ / ‚Gerechtigkeit‘ eingebürgert hätte, denn es heißt eigentlich ‚frum‘ / ‚frumkeyt‘.“ (nach Martin Luthers Werken, Weimarer Ausgabe, Band 10/I,2, S. 36)

Luther nimmt demnach einen weit verbreiteten Begriff aus der allgemeinen, bürgerlichen Lebenswelt (‚fromm‘) und wendet ihn im religiösen Bereich, genauer: auf die Beziehung zwischen Gott und Mensch an. Warum macht er das? Er befürchtet, dass ‚gerecht‘ / ‚Gerechtigkeit‘ im philosophischen und juristischen Sinne einer austeilenden Gerechtigkeit verstanden wird (‚Jede/r bekommt das, was er/sie verdient!‘), wo es im biblischen Gebrauch von ‚dikaios‘ und ‚zadik‘ nicht so verstanden werden soll.

Luthers befreiende Entdeckung war, wie er später geschildert hat, dass er davon losgekommen ist, die Gerechtigkeit Gottes genau in diesem Sinne zu (miss-)verstehen. Er wurde befreit von dem Druck, vor Gott gerecht sein zu müssen (und daran war er zerbrochen), weil er erkannte, dass Gott selbst ihn durch den Glauben gerecht macht. Das auszudrücken, dafür schienen ihm die philosophisch und juristisch aufgeladenen Kategorien nicht mehr angemessen. Deshalb brauchte er neue Begriffe, und er fand sie – zumindest zeitweilig – in den Begriffen ‚frum‘ / ‚frumkeyt‘, die gewissermaßen noch nicht theologisch besetzt waren.

Für diese Begriffe ‚frum‘ / ‚frumkeyt‘ gibt es in unserer heutigen Sprache kein direktes Äquivalent. Deshalb habe ich mich dafür entschieden, diese in unserer Modernisierung von Luthers Freiheitsschrift durch verschiedene Begriffe wiederzugeben, je nachdem welcher Bedeutungsaspekt stärker in den Vordergrund tritt: Am häufigsten, gewissermaßen als Grundbegriff, verwenden wir ‚gut‘ / ‚Güte‘, weil diese Worte ein weites Bedeutungsspektrum haben, weil sie sonst wie auch ‚frum‘ / ‚frumkeyt‘ nicht spezifisch religiös gebraucht werden und weil Luther ‚frum‘ (‚gut‘) und ‚frei‘ als Kennzeichen des Christenmenschen häufig in Kontrast zu ‚böse‘ und ‚gefangen‘ verwendet. Weitere Begriffe, die wir verwenden, sind vertrauenswürdig, tugendhaft, gerecht, recht und gottgefällig.

Ein solches Vorgehen ist natürlich gewagt und ein stückweit subjektiv. Wäre an dieser Stelle nicht dieses und an jener Stelle nicht jenes Wort passender? Die Online-Edition bietet gegenüber gedruckten Ausgaben in dieser Hinsicht einen großen Vorteil: Jede Stelle, an der Luther ursprünglich von ‚frum‘ / ‚frumkeyt‘ redet, ist markiert und es öffnet sich beim Anklicken ein Fenster, das dies kennzeichnet und weitere Bedeutungsaspekte anführt. So könnt ihr selbst nachvollziehen, wo wir welches Wort verwenden.
 
Aber lest doch einfach selbst – und wenn ihr der Meinung seid, dass andere Begriffe besser passen würden, dann schreibt uns. Denn auch das ist ein Vorteil einer Online-Edition gegenüber dem herkömmlichen Druck: Sie kann ohne großen Aufwand berichtigt und verändert werden.