06.05.17

Klettern in Freiheit!

„Warum, auf Gottes grüner Erde, klettert ihr Typen auf Berge?“ Kletterer Cora Schubert und Mischa Hawker-Yates erzählen von Freiheit über Abgründen.

Cora Schubert (Vordergrund) und Mischa Hawker-Yates (Hintergrund)

Wenn du über Freiheit nachdenkst, was siehst du? - Diese ist eine der seltsamen Fragen die nicht in unsere heutige Gesellschaft passt. „Freiheit ist Selbständigkeit“ mag der engagierte Abenteurer rufen, während er mit sonnengebräunten Händen wild gestikuliert und seine abgetragenen Kleidung Zeugnis seines letzten Ausflugs in die Wildnis ist. Ich bin mir da nicht so sicher. In unserer komplexen Welt ist es nahezu unmöglich sich des Einflusses der Gesellschaft zu entziehen, außer natürlich man zieht sich in das ungezähmte Hinterland zurück, nackt und nur für sich selbst sorgend. Der einsame Wolf bleibt hungrig und wir Menschen haben mehr von Rudeltieren in uns, als wir es selbst es zugeben wollen. Isolation ist deshalb nicht Freiheit – selbst der hartgesottenste Abenteurer wird ein Messer, Feuerstein oder ein Kistchen mit Zunder mit sich führen. Warum also klettern wir auf Berge?

von Mischa Hawker-Yates (Instagram) - Professioneller Kletterer. Deutsche Übertragung: Cora Schubert (Instagram) | Hier geht es zur englischen Version.

© Cora Schubert / Mischa Hawker-Yates. Alle Rechte vorbehalten.

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Warum also klettern wir auf Berge? Es kann einfach keine logische Erklärung dafür geben; kein Grund, außer dem Wunsch herauszufinden was möglich ist und um gegen das anzugehen, was die Welt denkt was möglich ist. Nachdem er als erster Mensch die Route „The Nose“ auf dem El Capitan im Yosemite National Park durchgestiegen hatte, wurde Warren Harding gefragt: „Warum, auf Gottes grüner Erde, klettert ihr Typen auf Berge?“ „Weil wir verrückt sind,“ antwortete Harding trocken. „Es gibt einfach keinen anderen Grund.“

Heutzutage ist man bei dieser Frage etwas weiter. Die meisten Kletterer werden dir ein paar hieb- und stichfeste Gründe nennen können, warum sie diesem immer sicherer und angeseheneren Sport nachgehen, so z.B. Fitness, der Sinn nach Abenteuer oder ein neuer Weg um die Natur kennen zu lernen. Kletterer überall auf der Welt überwinden immer wieder neu die Grenzen der Schwierigkeit, suchen neue Routen und finden Felsen, verborgen in den stillen Winkeln dieser Welt. Oder sie suchen sich die Wege hinauf auf die riesigen Klippen in der Unwirtlichkeit Grönlands.

© Cora Schubert / Mischa Hawker-Yates. Alle Rechte vorbehalten.

Klettern ist die Freiheit zu wählen. In Wahrheit macht es keinen greifbaren Unterschied, ob oder ob nicht du auf eine Klippe oder einen Felsen klettert – außer natürlich in deinem eigenen Kopf und in dem anderer. Indem wir uns immer wieder selbst herausfordern verändern wir unsere Sicht auf das was möglich ist.

Klettern ist die Freiheit sich selbst heraus zu fordern. Die Menschheit braucht Herausforderungen, lebt von ihnen. Es gibt uns einen Sinn, gibt uns eine Identität, gibt uns Hoffnung, Leidenschaft und Hunger -  Hunger nach weiter, gewaltiger, über die Vorstellungskraft hinaus. Es ist das Verlangen nach diesem schwer zu fassenden Gefühl irgendwo versteckt angesiedelt zwischen Bequemlichkeit und Furcht, wo physische Stärke und mentale Kontrolle sich vereinen zu einem perfekten, geschickten und geschmeidigen Wesen, welches die Wände hinauf gleitet; gefeit vor Fehlern und unempfänglich gegenüber Erfolg; auf Messers Schneide balancierend zwischen heiterer Gelassenheit und völliger Panik, während die Realität durch einen klaren Filter läuft und das einzige was zählt, das einzige was existiert die Griffe, die Bewegungen und der Abstand zwischen Traum und Realität sind.

© Cora Schubert / Mischa Hawker-Yates. Alle Rechte vorbehalten.

Diesen Zustand, dieser absolute Fokus wo nichts Anderes mehr wichtig ist nennt man „flow“. Wenn ein Kletterer auf einmal perfekt klettert, ohne Schwierigkeiten und wie ein tropfen Quecksilber den Felsen entlang gleitet, dann hat er den „flow“ gefunden. Flow ist totale Isolation, wo das einzige in deinem Kopf der Fels und die Bewegungen sind. Flow ist deshalb die Freiheit von den Selbstzweifeln.

Klettern ist die Freiheit mit der Welt auf einer einfacheren, unverfälschten Stufe zu interagieren. Wenn man an seinem Limit klettert kann jede Bewegung, jede einzelne Entscheidung den Unterschied ausmachen zwischen Kampf oder Flucht, Halten oder Fallen.

Beim Klettern ist die einzige Person die kontrolliert was passiert du selbst. Dies ist auch eine Art von Freiheit. Die Freiheit zum Erfolg oder Scheitern. Die Freiheit den Zug zu wagen oder zu fallen.

© Cora Schubert / Mischa Hawker-Yates. Alle Rechte vorbehalten.

Aber genug der Verallgemeinerungen. Was ist mit persönlicher Freiheit? Das Klettern hat mir Freiheit geschenkt, weil es mir einen Pfad gezeigt hat, welcher mir nirgendwo sonst von unserer Gesellschaft dargeboten wurde; ein Pfad mit neuen Menschen, unglaublichen Landschaften und wirklich einzigartigen Sichtweisen auf diese Welt. Es hat mir die Möglichkeit gegeben alles aus einem anderen Winkel zu betrachten; von Klippen, zu Gebäuden, zu Bäumen und dem Wetter. Wo ich früher nur einen Felsen gesehen habe, sehe ich heute eine Route, einen Weg sich zu Bewegen -  je Anstrengender desto besser. Es ist, als ob sich eine weitere Realität über mein Blickfeld gelegt hätte, mit neuen Erfahrungen die durch einen Filter gegeben und analysiert werden. Könnte ich da hinauf klettern? Vielleicht ja, vielleicht nein.

© Cora Schubert / Mischa Hawker-Yates. Alle Rechte vorbehalten.

Durch das Klettern bin ich analytischer geworden, zielstrebiger. Ich bin gewillter hart zu arbeiten um mein Ziel zu erreichen. Es hat mir gezeigt, dass harte Arbeit tatsächlich Früchte trägt – etwas, was das Bildungswesen seltsamerweise nie geschafft hat. Es gibt mir Motivation und einen Rahmen in dem ich meine Reisen plane. Ich bin immer für das ziellose Wandern, aber echte Abenteuer brauchen Zeit, Bemühungen und sklavische Planung. All dies hat das Klettern mich gelehrt.

Es hat mir beigebracht, dass es ok ist Angst zu haben und indem wir uns in Situationen begeben in denen wir wirklich Angst haben, verstehen wir wie hoch unser Grad an Selbstbeherrschung wirklich ist. Es hat mir auch beigebracht, dass es einen Ort gibt an dem Angst nicht wirklich existiert und an dem die Gefühle außerhalb von mir gefangen sind und keinen Zugriff auf mich haben.

Was ist Klettern denn nun wirklich? Klettern ist der Pfad zur Freiheit.

Über die Referenten

© Cora Schubert / Mischa Hawker-Yates. Alle Rechte vorbehalten.

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Mischa Hawker-Yates kommt aus England, klettert privat und beruflich und bloggt darüber. Zusammen mit Cora Schubert, die Germanistik und Anglistik studiert, erklimmt er auch die Felswände im Tübinger Umland.