05.05.17

Wirtschaft und Freiheit

Ist das Gefühl von Freiheit, insbesondere das Gefühl von Freiheit in der Wirtschaft für uns heutzutage etwas ganz anderes, wie zur Zeit Martin Luthers? Von Alexander Stölzle, Theologe und Ökonom.

Alexander Stölzle: Aus den Formen wirtschaftlicher Aktivität kann auf die Metaebene eines wirtschaftlichen Freiheitsverständnisses geschlossen werden. (Foto: Hanni Fuchs)

Man muss weder Theologe noch Wirtschaftswissenschaftler sein, um zu begreifen, dass die Fragestellung zu komplex ist, um sie auch nur adäquat in einem Impulsvortrag geschweige denn in einer Diskussionsrunde beantworten zu können. Der Grund dafür ist, dass der Fragestellung tiefergehende hermeneutische Probleme zu Grunde liegen, die ich zunächst einmal ansprechen möchte. Das sind Fragen wie:  was verstehen wir überhaupt unter Wirtschaft? Was verstehen wir unter wirtschaftlicher Freiheit und worin unterscheiden sich diese Verständnisse von heute zu damals.

von Alexander Stölzle - Theologe und Ökonom (Mail)

Spannend wäre es, jede dieser Fragen einzeln zu klären, jedoch fehlt dazu die Zeit. Aus diesem Grunde möchte ich eine Zuspitzung vornehmen und die Ausgangsfragestellung akzentuieren. Der Akzent soll dabei auch auf den Formen wirtschaftlicher Aktivität liegen, wie wir sie heute und damals, also im frühen 16. Jhdt.  vorfinden, da aus den Formen wirtschaftlicher Aktivität auf die Metaebene eines wirtschaftlichen Freiheitsverständnisses geschlossen werden kann. Es ist zunächst einmal darauf hinzuweisen, dass sich die Formen wirtschaftlicher Aktivität des frühen 16. Jhdt. gar nicht signifikant von unseren heutigen Formen unterscheiden. Es ist daher nicht verwunderlich, dass manche Forscher behaupten, zur Zeit Luthers herrschte bereits eine frühe Form des Kapitalismus.

"Es ist daher nicht verwunderlich, dass manche Forscher behaupten, zur Zeit Luthers herrschte bereits eine frühe Form des Kapitalismus."

So erfahren wir aus Luthers Schrift „von Kaufshandlungen und Wucher“, die aus dem Jahre 1524 stammt, dass Gewinnmaximierung, oder wie Luther dazu sagt: „Ich mag meine wahr so teuer geben als ichs kann“, eine scheinbar weit verbreitete Handlungsmaxime war, die sich in verschiedenerlei Gestalt zeigte. Ablehnend spricht er von Formen von Bürgschaft, er sagt dazu „Burgen“, er spricht von Zielkäufen, Auktionen, Monopolen, Protektionismus und Preiswettbewerb, Termingeschäften, Preisdumping und Preisdiktion, Preisabsprachen, Kartellen, Karusselgeschäften, Schutzbriefen und vielem mehr. Luther kritisiert diese Praktiken und weist darauf hin, dass deren unkontrollierte Anwendung ein „rauben und stehelen des anderen“ sei, und mahnt zur christlichen Kaufshandlung, die „ohn schaden  und nachteil deynes nehisten“ zu vollziehen sei. 

Aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht ist dabei interessant, dass Luther die Obrigkeit in Verantwortung nimmt, um seine Forderung verwirklicht zu sehen: „Konige und Fürsten sollten hie drein sehen, und nach gestrengem Recht solchs wehren“. Kaufleute, die er als „Strauchdiebe“ bezeichnet, müssten von den Fürsten in Schranken gehalten werden.

Was sagt dies über wirtschaftliche Freiheit im 16. Jh. aus? Können wir aus dem Appell Luthers an das Verantwortungsgefühl der Obrigkeit bereits den Ruf nach staatlichem Markteingreifen feststellen? Welche Spielregeln sollen festgelegt werden?

"Können wir aus dem Appell Luthers an das Verantwortungsgefühl der Obrigkeit bereits den Ruf nach staatlichem Markteingreifen feststellen?"

Der Mitstreiter Luthers, Philipp Melanchthon, hat in Bezug auf die wirtschaftlichen Spielregeln eine differenzierte Ansicht, die er anhand des Beispiels von Darlehen deutlich macht. So müssen unentgeltliche Darlehen in jedem Fall gewährt werden, da es gem. Luk 6, 30 ein göttliches Gesetz sei: „Gib jedem, der dich bittet; und von dem, der dir das Deine nimmt, fordere es nicht zurück!“ Bei Darlehen unter Händlern müsse hingegen unterschieden werden, welche Absicht dahinter stehe. Ist die Absicht die reine Gewinnmaximierung aufgrund von Zins, so sei das Darlehen verwerflich. Diene das Darlehen jedoch der Unterstützung des Geschäftspartners, so könne ein Zins in Höhe von 5 % veranschlagt werden, da der aufgrund der überlassenen Geldsumme entstandene finanzielle Schaden kompensiert werden müsse. Sollte dem Händler allerdings die Insolvenz drohen, so sei ihm nicht nur der Zins, sondern das gesamte Darlehen zu erlassen.

Obwohl es wichtig ist, hierbei zu erwähnen, dass die Stellungnahmen von Luther als auch von Melanchthon als Reaktionen auf konkrete Praktiken realer Wirtschaft zu verstehen sind und keine Gesetzesforderungen darstellen, fällt es dennoch schwer zu behaupten, sie wären nicht von großer Wichtigkeit.

Betrachten wir unsere heutige Zeit, so merken wir schnell, dass sich die wirtschaftliche Praxis mit ihrem Gewinnmaximierungsdenken nur wenig von der des frühen 16. Jhdts. unterscheidet. Die Finanzkrise von 2008 hat deutlich gezeigt, dass die Frage nach wirtschaftlicher Freiheit und Regulierung, sei es von Seiten des Staates oder der Unternehmen selbst eine wichtige Rolle spielt und gerade in Bezug auf die Darlehensthematik neue, und damit alte Überlegungen wieder in der Vordergrund rücken. Es hat sich gezeigt, dass grenzenloses Zinsnehmen in seiner Form der Zinseszinsspirale zu systemischem Kollaps führt. Derivatehandel, das heißt das Wetten auf virtuelle Finanzprodukte ohne realwirtschaftliche Rückkopplung, funktioniert nur so lange, wie jeder glaubt, dass es wiederum jemanden gibt, der dafür letztlich bürgt.

"Eine ungleiche Verteilung von Reichtum in der Gesellschaft ist kontraproduktiv für eine funktionierende Marktwirtschaft – damals und heute."

Betrachten wir die von Luther kritisierten Monopole und Kartelle, so wissen wir heute aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht, dass sie der Wirtschaft schaden und zu Marktversagen führen, also zu einer Störung der optimalen Allokation von Gütern.  Ein staatliches Eingreifen ist selbst nach neoklassischer Theorie unerlässlich. So haben wir in Deutschland eine soziale Marktwirtschaft, die mithilfe von staatlichen Institutionen auf der einen Seite ein Marktversagen verhindern und auf der anderen Seite soziale Gerechtigkeit und Wohlfahrt herstellen soll. Bspw. prüft so das Kartellamt Fusionen großer Unternehmen, die im Verdacht stehen, zu viel Marktmacht zu besitzen und interveniert, sollte sich der Verdacht bestätigen und Verbraucher darunter leiden.  Der Staat kann über seine Instrumente von Steuern und Subventionen unterschiedliche wirtschaftspolitische Ziele realisieren und ist damit auch im Stande, Unternehmen in Schranken zu weisen oder eben auch zu fördern. Da unsere heutige Wirtschaftsordnung jedoch global zu verstehen ist, sind die Handlungsspielräume staatlicher Intervention auf die Landesgrenzen beschränkt. Internationale Abkommen werden oftmals nicht eingehalten oder umgangen. Die Causa der Panama Paper hat deutlich aufgezeigt, dass es immer Möglichkeiten gibt, sich der staatlichen Regulierung zu entziehen, indem Gelder verdeckt über Strohfirmen ins Ausland transferiert werden, worauf staatliche Behörden dann keinen Zugriff mehr haben. Die dadurch entstehenden Steuereinbußen schaden den Volkswirtschaften enorm und haben auch Auswirkungen auf die Wohlfahrt der Länder. Wenn Luther davon spricht dass Kaufshandlungen, „ohn schaden  und nachteil deynes nehisten“ zu erfolgen haben, dann hat dies auch eine volkswirtschaftliche Dimension und kann als Luthers wirtschaftliches Freiheitsverständnis gedeutet werden. Eine ungleiche Verteilung von Reichtum in der Gesellschaft ist kontraproduktiv für eine funktionierende Marktwirtschaft – damals und heute.