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Zum 8.: Wie kann es aber sein, dass der Glaube allein gut machen und ohne alle Werke so überschwänglichen Reichtum geben kann, da doch so viele Gesetze, Gebote, Werke, Stände und Handlungsweisen uns vorgeschrieben sind in der Schrift? Hier ist fleißig zu merken und mit Ernst zu behalten, dass allein der Glaube ohne alle Werke gut, frei und selig macht, wovon wir später mehr hören werden. Und es ist zu wissen, dass die ganze Heilige Schrift in zweierlei Worte geteilt wird, welche folgendermaßen lauten: Gebot oder Gesetz Gottes und Verheißung oder Zusage. Die Gebote lehren und schreiben uns mancherlei gute Werke vor, aber damit sind sie noch nicht geschehen. Sie weisen wohl, sie helfen aber nicht, lehren, was man tun soll, geben aber keine Kraft dazu. Deshalb sind sie nur dafür angeordnet, dass der Mensch darin sein Unvermögen zu dem Guten sehe, und lerne, an sich selbst zu verzweifeln. Und darum heißen sie auch das Alte Testament und gehören alle ins Alte Testament. Entsprechend beweist das Gebot „Du sollst keine böse Begierde haben“, dass wir allesamt Sünder sind und dass kein Mensch ohne böse Begierde zu sein vermag, er tue, was er will. Daraus lernt er, an sich selbst zu verzagen und anderswo Hilfe zu suchen, damit er ohne böse Begierde sei und so das Gebot erfülle durch etwas anderes, was er aus sich selbst nicht vermag – genauso sind auch alle anderen Gebote uns unmöglich zu erfüllen.


Zum 9.: Wenn nun der Mensch aus den Geboten sein Unvermögen gelernt und empfunden hat, sodass ihm nun angst wird, wie er dem Gebot Genüge tun kann – zumal das Gebot erfüllt sein muss oder er verdammt sein muss –, so ist er recht gedemütigt und zunichte geworden in seinen Augen, findet nichts in ihm sich, womit er gut werden kann. Dann aber kommt das andere Wort, die göttliche Verheißung und Zusage, und spricht: | [A4v] Willst du alle Gebote erfüllen, von deiner bösen Begierde und Sünde gelöst werden, wie es die Gebote erzwingen und fordern, siehe da, glaub an Christus, in welchem ich dir zusage alle Gnade, Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit. Glaubst du, so hast du; glaubst du nicht, so hast du nicht. Denn was dir unmöglich ist mit allen Werken der Gebote, deren viele und doch ohne Nutzen sein können, das wird dir leicht und kurz durch den Glauben. Denn ich habe zusammenfassend in den Glauben gestellt alle Dinge, dass wer ihn hat, soll alle Dinge haben und selig sein; wer ihn nicht hat, soll nichts haben. So geben die Zusagen Gottes, was die Gebote fordern, und vollbringen, was die Gebote befehlen, auf dass es alles Gottes eigen sei, Gebot und Erfüllung: Er befiehlt allein, er erfüllt auch allein. Darum sind die Zusagen Gottes Wort des Neuen Testaments und gehören auch ins Neue Testament.


Zum 10.: Nun sind diese und alle Worte Gottes heilig, wahrhaftig, gerecht, friedsam, frei und aller Güte voll. Darum: Wer ihm mit einem rechten Glauben anhängt, dessen Seele wird mit ihm vereinigt, so ganz und gar, dass alle Tugenden des Wortes auch der Seele eigen werden, und entsprechend durch den Glauben die Seele durch das Wort Gottes heilig, gerecht, wahrhaftig, friedsam, frei und aller Güte voll, ein wahrhaftiges Kind Gottes wird, wie Johannes 1[,12] sagt: „Er hat ihnen gegeben, dass sie Kinder Gottes werden sollen, alle, die an seinen Namen glauben.“ Hieraus ist leicht zu merken, warum der Glaube so viel vermag und dass keine guten Werke ihm gleich sein können. Denn kein gutes Werk hängt an dem göttlichen Wort wie der Glaube und kann auch nicht in der Seele sein, sondern allein das Wort und der Glaube regieren in der Seele. Wie das Wort ist, so wird auch die Seele durch es, so wie das Eisen glutrot wird wie das Feuer aus der Vereinigung mit dem Feuer. So sehen wir, dass ein Christenmensch an dem Glauben genug hat, bedarf keines Werkes, um gut zu sein. Bedarf er aber keines Werkes mehr, so ist er gewiss entbunden von allen Geboten und Gesetzen. Ist er entbunden, so ist er gewiss frei. Das ist die christliche Freiheit, der eine Glaube, der nicht macht, dass wir müßiggehen oder übeltun, sondern dass wir keines Werkes bedürfen, um Güte und Seligkeit zu erlangen; wovon wir später mehr sagen wollen.


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