Abschnitt 23-25 aus Luthers Freiheitsschrift

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» Zum 23.: Drum sind die zwei Sprüche wahr: Gute tüchtige Werke machen niemals einen guten tüchtigen Mann, sondern ein guter tüchtiger Mann macht gute tüchtige Werke. Böse Werke machen niemals einen bösen Mann, sondern ein böser Mann macht böse Werke. Entsprechend muss immer die Person zuerst gut und tüchtig sein vor allen guten Werken und gute Werke folgen und gehen aus von der tüchtigen guten Person. Gleich wie Christus sagt: „Ein böser Baum trägt keine gute Frucht. Ein guter Baum trägt keine böse Frucht.“ [Mt. 7,18] Nun ist es offensichtlich, dass die Früchte nicht den Baum tragen, so wachsen auch die Bäume nicht auf den Früchten, sondern umgekehrt: die Bäume tragen die Früchte und die Früchte wachsen auf den Bäumen. Wie nun die Bäume eher da sein müssen als die Früchte, und die Früchte die Bäume weder gut noch böse machen, sondern die Bäume machen die Früchte – genauso muss der Mensch in der Person zuvor gut oder böse sein, ehe er gute oder böse Werke tut. Und seine Werke machen ihn nicht gut oder böse, sondern er macht gute oder böse Werke. Dasselbe sehen wir in allen Handwerken: Ein gutes oder schlechtes Haus macht keinen guten oder schlechten Zimmermann, sondern ein guter oder schlechter Zimmermann macht ein schlechtes oder gutes Haus. Kein Werk macht einen Meister so, wie das Werk ist, sondern wie der Meister ist, so ist auch sein Werk. Genauso ist es auch mit den Werken des Menschen: Wie es mit ihm steht im Glauben oder Unglauben, so sind seine Werke gut oder böse. Und nicht umgekehrt: wie seine Werke stehen, so ist er gut oder gläubig; die Werke, so wie sie nicht gläubig machen, so machen sie auch nicht gut. | [C1v] Aber der Glaube, gleich wie er gut macht, so macht er auch gute Werke. Da nun die Werke niemanden gut machen und der Mensch zuvor gut sein muss, ehe er wirkt, so ist es offenkundig, dass allein der Glaube aus reiner Gnade durch Christus und sein Wort die Person völlig gut und selig macht, und dass kein Werk, kein Gebot einem Christen zur Seligkeit notwendig ist, sondern er frei ist von allen Geboten und aus reiner Freiheit alles umsonst tut, was er tut; dagegen tut er nichts, womit er seinen Nutzen oder seine Seligkeit sucht. Denn er ist schon satt und selig durch seinen Glauben und Gottes Gnade; vielmehr tut er alles nur, um Gott darin zu gefallen.


Zum 24.: Umgekehrt ist dem, der ohne Glauben ist, kein gutes Werk förderlich zur Güte oder Seligkeit; ebenso macht ihn kein böses Werk böse oder verdammt. Sondern der Unglaube, der die Person und den Baum böse macht, der tut böse und verdammte Werke. Darum, ob man gut oder böse wird, das fängt nicht bei den Werken an, sondern bei dem Glauben. Wie der weise Mann sagt: „Anfang aller Sünde ist von Gott weichen und ihm nicht trauen.“ [Sir. 10,12[bzw.14]] Genauso lehrt auch Christus, dass man nicht bei den Werken anfangen darf, und sagt: „Macht entweder den Baum gut und seine Früchte gut oder macht den Baum böse und seine Früchte böse“ [vgl. Mt. 12,33], als wollte er sagen: Wer gute Früchte haben will, muss zuvor bei dem Baum anfangen und denselben gut setzen. Genauso: wer da will gute Werke tun, darf nicht bei den Werken anfangen, sondern bei der Person, die die Werke tun soll. Die Person aber macht niemand gut als allein der Glaube und niemand macht sie böse als allein der Unglaube. Das ist wohl wahr: Die Werke machen einen tugendhaft oder böse vor den Menschen, das ist: sie zeigen äußerlich an, wer tugendhaft oder böse sei. Wie Christus sagt in Matth. 7[,20]: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“ Aber das ist alles im Schein und äußerlich. Dieses Ansehen macht viele Leute irre, die da schreiben und lehren, wie man gute Werke tun soll und gut werden; obwohl sie doch niemals des Glaubens gedenken; sie gehen dahin und es führt immer ein Blinder den anderen; sie martern sich mit vielen Werken und kommen doch niemals zu der rechten Güte, von welcher Sankt Paul 2. Tim 3[,5] sagt: „Sie haben einen Schein der Gottgefälligkeit“, | [C2r] aber der Grund ist nicht da; sie gehen hin und lernen immer und immer und kommen doch niemals zu der Erkenntnis der wahren Gottgefälligkeit. Wer nun mit diesen Blinden nicht umherirren will, der muss weiter sehen als auf die Werke, Gebote oder Lehre der Werke. Er muss in die Person sehen vor allen Dingen, wie diese gut werde. Die wird aber nicht durch Gebote und Werke, sondern durch Gottes Wort [das heißt: durch seine Verheißung der Gnade] und den Glauben gut und selig, damit seine göttliche Ehre bestehen bleibe, nämlich, dass er uns nicht durch unsere Werke, sondern durch sein gnädiges Wort umsonst und aus reiner Barmherzigkeit selig mache.


Zum 25.: Aus all dem ist leicht zu verstehen, wie gute Werke zu verwerfen und nicht zu verwerfen sind, und wie man alle Lehre verstehen soll, die da gute Werke lehren. Denn wo der falsche Anhang und die verkehrte Meinung drin ist, dass wir durch die Werke gut und selig werden sollen, sind sie schon nicht gut und ganz verdammungswürdig; denn sie sind nicht frei und schmähen die Gnade Gottes, die allein durch den Glauben gut und selig macht, was die Werke nicht vermögen, es sich jedoch vornehmen zu tun, und damit der Gnade in ihr Werk und ihre Ehre greifen. Darum verwerfen wir die guten Werke nicht um ihretwillen, sondern um dieses bösen Zusatzes und falscher verkehrter Meinung willen, was bewirkt, dass sie nur gut scheinen obwohl sie nicht gut sind, betrügen sich und jedermann damit, genau wie die reißenden Wölfe in Schafskleidern [vgl. Mt. 7,15]. Aber derselbe böse Zusatz und die verkehrte Meinung in den Werken ist unüberwindlich, wo der Glaube nicht ist. Er muss in einem solchen Werkheiligen sein, bis der Glaube kommt und ihn verstöre; die Natur vermag ihn aus sich selbst nicht auszutreiben, ja, nicht einmal erkennen, sondern sie hält ihn für ein köstliches, seliges Ding; darum werden auch so viele dadurch verführt. Auch wenn es wohl gut ist, vom Reuen, Beichten, Genugtun zu schreiben und zu predigen, wenn man aber nicht weiter geht bis zum Glauben, ist es gewisslich eine ganz teuflische, verführerische Lehre. Man darf nicht eines allein predigen, sondern alle beide Worte Gottes: Die Gebote soll man predigen, um die Sünder zu erschrecken und ihre Sünde zu offenbaren, damit sie Reue haben und sich bekehren. Aber dabei soll es nicht bleiben; man muss das andere Wort, die Zusage der Gnade, | [C2v] auch predigen, um den Glauben zu lehren, ohne welchen die Gebote, Reue und alles andere vergebens geschieht. Es sind wohl noch Prediger geblieben, die Reue der Sünde und Gnade predigen, aber sie streichen die Gebote und die Zusage Gottes nicht so aus, dass man lerne, woher und wie die Reue und die Gnade kommen. Denn die Reue fließt aus den Geboten, der Glaube aus den Zusagen Gottes, und also wird der Mensch durch den Glauben an die göttlichen Worte gerechtfertigt und erhoben, der durch die Furcht vor Gottes Gebot gedemütigt und zur Selbsterkenntnis gekommen ist. «