Abschnitt 21-22 aus Luthers Freiheitsschrift

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» Zum 21.: Aber diese Werke dürfen nicht geschehen in der Meinung, dass dadurch der Mensch vor Gott gut werde, denn diese falsche Meinung kann der Glaube nicht ertragen, der allein die Güte vor Gott ist und sein muss; sondern die Werke dürfen nur in der Meinung getan werden, dass der Leib gehorsam werde und gereinigt von seinen bösen Gelüsten, und das Auge nur dazu auf die bösen Lüste sehe, um sie auszutreiben. Denn weil die Seele durch den Glauben rein ist und Gott liebt, will sie gern, dass genauso auch alle Dinge rein wären, | [B4v] vor allem aber ihr eigener Leib, und dass jedermann Gott mit ihr liebt und lobt. So geschiehts, dass der Mensch wegen seines eigenen Leibes nicht müßiggehen kann, und muss viele gute Werke zu dem Zweck tun, dass er ihn bezwinge; und doch sind die Werke nicht das rechte Gut, dadurch er gut und gerecht vor Gott ist, sondern er tue sie aus freier Liebe umsonst, um Gott zu gefallen; nichts anders soll darin gesucht oder angesehen werden, als dass es Gott gefällt, dessen Willen er gerne aufs allerbeste erfüllte. Daraus kann ein jeglicher selbst das Maß und die Beschränkung nehmen, den Leib zu züchtigen: Denn er fastet, wacht, arbeitet soviel es für seinen Leib nötig ist, seinen Mutwillen zu dämpfen. Die anderen aber, die da meinen, mit Werken gottgefällig zu werden, geben nicht Acht auf die Züchtigung des Leibes, sondern sehen nur auf die Werke und meinen, wenn sie derselben nur viele und große tun, so sei es wohl getan und sie würden gottgefällig – zuweilen zerbrechen sie sich die Köpfe und verderben ihre Leiber darüber. Das ist eine große Torheit und ein großes Missverständnis des christlichen Lebens und Glaubens, dass sie ohne Glauben durch Werke gottgefällig und selig werden wollen.


Zum 22.: Dafür geben wir ein paar Vergleiche: Man soll die Werke eines Christenmenschen, der durch seinen Glauben und aus reiner Gnade Gottes umsonst gerechtfertigt und selig geworden ist, für nichts anders halten, als was die Werke Adams und Evas im Paradies gewesen sind. Davon steht in Gen. 2[,15] geschrieben, dass Gott den geschaffenen Menschen ins Paradies setzt, damit er daselbst arbeiten und bewahren sollte. Nun war Adam von Gott gut und wohl geschaffen ohne Sünde, sodass er durch sein Arbeiten und Bewahren nicht gut und recht zu werden brauchte. Doch damit er nicht müßigging, gab ihm Gott zu schaffen, das Paradies zu bepflanzen, bebauen und bewahren. Dieses wären gänzlich freie Werke gewesen, um keines anderen Dinges willen getan, als allein Gott zu gefallen und nicht um Güte zu erlangen, die er zuvor hatte und die uns auch allen natürlich angeboren gewesen wäre. Genauso ist es auch mit eines gläubigen Menschen Werk, welcher durch seinen Glauben wiederum ins Paradies gesetzt und von neuem geschaffen ist, der keiner Werke bedarf, um gut zu werden; sondern: damit er nicht müßiggehe und seinen Leib bearbeite und bewahre, sind ihm solche freien Werke zu tun, allein um Gott zu gefallen, befohlen. | [C1r] Ebenso: Gleich wie ein geweihter Bischof, wenn er Kirchen weiht, firmt oder sonst seines Amtes Werk ausübt, so machen ihn dieselben Werke nicht zu einem Bischof; ja, wenn er nicht zuvor zum Bischof geweiht worden wäre, so taugte keines dieser Werke und sie wären gänzlich Narrenwerk. Genauso ein Christ, der, durch den Glauben geweiht, gute Werke tut, wird durch dieselben nicht besser oder mehr zu einem Christen geweiht [was nichts außer eine Mehrung des Glaubens täte]; ja, wenn er nicht zuvor glauben würde und Christ wäre, so würden alle seine Werke nichts gelten, sondern wären gänzlich närrische, sträfliche, verdammungswürdige Sünde. «