Abschnitt 19-20 aus Luthers Freiheitsschrift

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» Zum 19.: Das sei nun genug gesagt von dem innerlichen Menschen, von seiner Freiheit und der Hauptgerechtigkeit, welche keines Gesetzes noch guten Werkes bedarf; ja, es wäre ihr sogar schädlich, wenn jemand sich vermessen würde, dadurch gerechtfertigt werden zu wollen. Nun kommen wir aufs andere Teil, auf den äußerlichen Menschen. Hier wollen wir allen denen antworten, die sich über die bisherige Rede ärgern und zu sprechen pflegen: ‚Ei, wenn denn der Glaube alle Dinge ausmacht und er allein ausreicht, gottgefällig zu machen, warum sind dann die guten Werke geboten? So wollen wir guter Dinge sein, und nichts tun.‘ Nein, lieber Mensch, so nicht. Es wäre nur dann in Ordnung, wenn du allein ein innerlicher Mensch wärst und ganz geistlich und innerlich geworden wärst, was nicht geschieht bis an den Jüngsten Tag. Es ist und bleibt auf Erden nur ein Anfangen und Zunehmen, welches in jener Welt vollendet | [B4r] werden wird. Daher nennt es der Apostel primitias spiritus, das sind die ersten Früchte des Geistes. Darum gehört hierher, was oben gesagt ist: Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan. Das heißt: wo er frei ist, darf er nichts tun, wo er Knecht ist, muss er allerlei tun. Wie das zugeht, wollen wir im Folgenden sehen.


Zum 20.: Obgleich nun der Mensch inwendig, nach der Seele, durch den Glauben genügend gerechtfertigt ist und alles hat, was er haben soll, ohne dass derselbe Glaube und seine Genüge immer weiter zunehmen muss bis in jenes Leben, so bleibt er doch noch in diesem leiblichen Leben auf Erden und muss seinen eigenen Leib regieren und mit Leuten umgeben. Hier fangen nun die Werke an, hier darf er nicht müßig gehen, da muss fürwahr der Leib mit Fasten, Wachen, Beten und mit aller angebrachter Zucht getrieben und geübt werden, damit er dem innerlichen Menschen und dem Glauben gehorsam und gleichförmig werde, nicht hindere noch widerstrebe, wie es seine Art ist, wo er nicht gezwungen wird. Denn ist der innerliche Mensch mit Gott einig, fröhlich und voller Lust um Christi willen, der so viel für ihn getan hat, und steht alle seine Lust danach, dass er ebenso auch Gott umsonst dienen kann in freier Liebe, so findet er doch in seinem Fleisch einen widerspenstigen Willen, der der Welt dienen will und suchen, wonach es ihn gelüstet. Das kann der Glaube nicht dulden, und legt sich mit Lust an seinen Hals, ihn zu dämpfen und zu wehren, wie Sankt Paulus in Röm. 7[,22f.] sagt: „Ich hab eine Lust an Gottes Willen nach meinem inneren Menschen, doch ich finde einen anderen Willen in meinem, der mich mit Sünden gefangen nehmen will.“ Auch: „Ich züchtige meinen Leib und treibe ihn zu gehorsam, auf dass ich nicht selbst verwerflich werde, der ich die anderen lehren soll.“ [1. Kor. 9,27] Auch Gal. 5[,24]: „Alle, die Christus angehören, kreuzigen ihr Fleisch mit seinen bösen Gelüsten.“ «