Abschnitt 11-13 aus Luthers Freiheitsschrift

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» Zum 11.: Weiter ist es mit dem Glauben so, dass wer einem anderen glaubt, der glaubt ihm darum, weil er ihn als einen vertrauenswürdigen, wahrhaftigen Mann achtet, welches die größte Ehre ist, die ein Mensch einem anderen erweisen kann; wie es umgekehrt die größte Schmach ist, wenn er ihn für einen unzuverlässigen, lügenhaften, leichtfertigen Mann achtet. Genauso ist es, wenn die Seele Gottes Wort fest glaubt, so hält sie ihn für wahrhaftig, vertrauenswürdig und gerecht. Damit tut sie ihm die allergrößte Ehre, die sie ihm erweisen kann, denn da gibt sie ihm recht, da lässt sie ihm Recht, da ehrt sie seinen Namen und lässt mit sich handeln, wie er will, denn sie bezweifelt nicht, dass er vertrauenswürdig und wahrhaftig ist in allen seinen Worten. Ebenso kann man Gott keine größere Unehre antun, als ihm nicht zu glauben, denn dadurch würde die Seele ihn für einen Untüchtigen, Lügenhaften, Leichtfertigen halten und, so viel an ihr ist, ihn verleugnen mit solchem Unglauben, und einen Abgott ihres eigenen Sinns im Herzen wider Gott aufrichten, als wollte sie es besser wissen als er. Wenn denn Gott sieht, dass ihm die Seele Wahrheit gibt und entsprechend durch ihren Glauben ehrt, so ehrt er sie wiederum und hält sie auch für vertrauenswürdig und wahrhaftig und sie ist auch vertrauenswürdig und wahrhaftig durch solchen Glauben; denn dass man Gott die Wahrheit und Vertrauenswürdigkeit gebe, das ist Recht und Wahrheit und macht recht und wahrhaftig; weil es wahr ist und recht, dass Gott die Wahrheit gegeben wird; welches die nicht tun, die nicht glauben, und doch sich mit vielen guten Werken umtreiben und bemühen.


Zum 12.: Nicht nur gibt der Glaube so viel, dass die Seele dem göttlichen Wort gleich wird: aller Gnaden voll, frei und selig, sondern er vereinigt auch die Seele mit Christus wie eine Braut mit ihrem Bräutigam. Aus dieser Ehe folgt, wie Sankt Paulus sagt, dass Christus und die Seele ein Leib werden [vgl. Eph. 5,30], und so werden auch beider Güter, Glück, Unglück und alle Dinge gemeinsam: Was Christus hat, das ist der gläubigen Seele eigen, was die Seele hat, wird Christus eigen. So hat Christus alle Güter und Seligkeit, die sind der Seele eigen. So hat die Seele alle Untugend und Sünde auf sich, die werden Christus eigen. Hier erhebt sich nun der fröhliche Wechsel und Tausch: Da Christus Gott und Mensch ist, welcher noch nie gesündigt hat, und seine Gerechtigkeit | [B1v] unüberwindlich, ewig und allmächtig ist - wenn er denn die Sünde der gläubigen Seelen durch ihren Brautring, das ist der Glaube, sich selbst zu eigen macht und sich nicht anders verhält, als hätte er sie getan, so müssen die Sünden in ihm verschlungen und ersäuft werden; denn seine unüberwindliche Gerechtigkeit ist allen Sünden zu stark; entsprechend wird die Seele von allen ihren Sünden allein durch ihr Brautgeschenk, also um des Glaubens willen, ledig und frei und beschenkt mit der ewigen Gerechtigkeit ihres Bräutigams Christus. Ist dies nun nicht eine fröhliche Hochzeit, wo der reiche, edle, gerechte Bräutigam Christus die arme, verachtete, böse Hure zur Ehe nimmt, und sie befreit von allem Übel und ziert mit allen Gütern? Deshalb ist es nicht möglich, dass die Sünden sie verdammen, denn sie liegen nun auf Christus und sind in ihm verschlungen. So hat sie eine so reiche Gerechtigkeit in ihrem Bräutigam, dass sie abermals gegen alle Sünde bestehen kann, ob sie schon auf ihr liegen. Davon sagt Paulus n 1. Kor. 15[,57]: „Gott sei Lob und Dank, der uns eine solche Überwindung in Christus Jesus gegeben hat, in welchen der Tod mit der Sünde verschlungen ist.“


Zum 13.: Hier siehst du aber, aus welchem Grund dem Glauben zurecht so viel zugeschrieben werden soll, dass er alle Gebote erfüllt und ohne alle anderen Werke gut macht. Denn du siehst hier, dass er allein das erste Gebot erfüllt, in dem geboten wird: „Du sollst den einen Gott ehren.“ Wenn du nun voll guter Werke wärst – bis zu den Fersen, so wärst du dennoch nicht gut und gäbest Gott noch keine Ehre und erfülltest also das allererste Gebot nicht. Denn Gott will nicht anders geehrt werden, als dadurch, dass ihm Wahrheit und alles Gute zugeschrieben wird, so wie er auch wahrhaft ist. Das tun aber keine guten Werke, sondern allein der Glaube des Herzens. Darum ist er allein die Gerechtigkeit des Menschen und aller Gebote Erfüllung. Denn wer das erste Hauptgebot erfüllt, der erfüllt gewiss und leicht auch alle anderen Gebote. Die Werke aber sind tote Dinge, können Gott weder ehren noch loben, obgleich sie geschehen müssen und sich tun lassen zu Gottes Ehre und Lob. Aber wir suchen hier den, der nicht getan wird, wie die Werke, sondern den Selbsttäter und Werkmeister, der Gott ehrt und die Werke tut. Das ist niemand als der Glaube des Herzens, der das Haupt und das ganze Wesen der Güte ist; weshalb es eine | [B2r] gefährliche, finstere Rede ist, wenn man lehrt, die Gebote Gottes mit Werken zu erfüllen, da die Erfüllung vor allen Werke durch den Glauben geschehen sein muss; und die Werke folgen nach der Erfüllung, wie wir hören werden. «