Abschnitt 26-28 aus Luthers Freiheitsschrift

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» Zum 26.: Das sei allgemein von den Werken gesagt und von denen, die ein Christenmensch an seinem eigenen Leib üben soll. Nun wollen wir von weiteren Werken reden, die er gegenüber anderen Menschen tut. Denn der Mensch lebt nicht alleine in seinem Leibe, sondern auch unter anderen Menschen auf Erden. Darum kann er nicht ohne Werke sein gegenüber diesen, er muss ja mit ihnen zu reden und zu schaffen haben, obwohl ihm dieselben Werke nicht nötig sind zur Güte und Seligkeit. Darum soll seine Meinung in allen Werken frei und nur darauf ausgerichtet sein, dass er anderen Leuten damit diene und nütze. Nichts Anderes stelle er sich vor, als was den anderen Not ist – das ist nämlich ein wahrhaftiges Christenleben, und da geht der Glaube mit werden auch so viele dadurch verführt. Auch wenn es wohl gut ist, vom Lust und Liebe ans Werk, wie Sankt Paulus die Galater lehrt [vgl. Gal 5,6]. Denn zu den Philipper, als er sie gelehrt hatte, wie sie alle Gnade und Genüge durch ihren Glauben an Christus hätten, lehrt er sei weiter und sagt [vgl. Phil 2,1-4]: Ich ermahne euch bei allem Trost, den ihr in Christus habt und bei allem Trost, den ihr von unserer Liebe zu euch habt, und bei aller Gemeinschaft, die ihr mit allen geistlichen, gottesfürchtigen Christen habt, ihr wolltet mein Herz vollkommen erfreuen, und das dadurch, dass ihr fortan eines Sinnes seid, einer gegen den anderen Liebe erweist, einer dem anderen dient und ein jeder Acht habe, nicht auf sich noch auf das Seine, sondern auf den anderen und was demselben Not sei. Siehe, da hat Paulus ein christliches Leben klar aufgezeigt, dass nämlich alle Werke ausgerichtet sein sollen dem Nächsten zugute, weil ein jeder für sich selbst genug hat an seinem Glauben und er alle anderen Werke und sein Leben darüber hinaus hat, seinem Nächsten damit aus freier Liebe zu dienen. Dazu führt er Christus als ein Beispiel an und | [C3r] sagt [vgl. Phil 2,5-7]: Seid ebenso gesinnt, wie ihr es in Christus seht, welcher, obwohl er voll göttlicher Form war und für sich selbst genug hatte und ihm sein Leben, Wirken und Leiden nicht nötig war, dass er damit gut oder selig würde; dennoch hat er sich alles dessen entäußert und gebärdet wie ein Knecht, allerlei getan und gelitten, nichts gesucht als unser Bestes, und obwohl er frei war, doch um unseretwillen ein Knecht geworden ist.


Zum 27.: Genauso soll ein Christenmensch, wie Christus, sein Haupt, voll und satt sein, sich auch genügen lassen an seinem Glauben, diesen immer mehren, welcher sein Leben, seine Güte und Seligkeit ist, der ihm alles gibt, was Christ und Gott hat, wie oben gesagt ist. Und Sankt Paulus spricht in Gal. 2[,20]: „Was ich noch in dem Körper leben, das lebe ich in dem Glauben an Christus, Gottes Sohn.“ Und da er nun ganz frei ist, sich ebenso freiwillig zu einem Diener zu machen, um seinem Nächsten zu helfen, mit ihm zu verfahren und umzugehen, wie Gott mit ihm durch Christus umgegangen ist und das alles umsonst, nichts darin suchen als göttliches Wohlgefallen und so denken: Wohlan, mein Gott hat mit mir unwürdigen, verdammten Menschen ohne jeden Verdienst, völlig umsonst und aus reiner Barmherzigkeit durch und in Christus vollen Reichtum aller Güte und Seligkeit gegeben, sodass ich hinfort nichts mehr bedarf, als zu glauben, es sei genau so. Ei, so will ich so einem Vater, der mich mit seinen überschwänglichen Gütern so überschüttet hat, ebenso frei, fröhlich und umsonst tun, was ihm wohlgefällt; und gegenüber meinem Nächsten auch ein Christ werden, wie Christus mir geworden ist, und nichts mehr tun, als was ich nur sehe, dass es ihm Not, nützlich und selig sei, da ich doch durch meinen Glauben aller Dinge in Christus genug habe. Siehe, so fließt aus dem Glauben die Liebe und Lust zu Gott und aus der Liebe ein freies, williges, fröhliches Leben, dem Nächsten umsonst zu dienen. Denn zugleich, wie unser Nächster Not leidet und unseres Überflusses bedarf, so haben wir vor Gott Not gelitten und seiner Gnade bedurft. Darum, wie uns Gott durch Christus umsonst geholfen hat, so sollen wir durch den Leib und seine Werke nichts anderes tun, als dem Nächsten zu helfen. So sehen wir, was für ein hohes edles Leben ein christliches Leben ist, das | [C3v] leider jetzt in aller Welt nicht nur darniederliegt, sondern auch nicht mehr bekannt ist oder gepredigt wird.


Zum 28.: Entsprechend lesen wir in Lukas 2[, 22-24], dass die Jungfrau Maria zur Kirche ging nach den sechs Wochen und ließ sich reinigen nach dem Gesetz wie alle anderen Frauen, obwohl sie doch nicht – so wie diese – unrein war, noch derselben Reinigung bedurfte, die sie auch nicht nötig hatte. Aber sie tat es aus freier Liebe, damit sie die anderen Frauen nicht verachtete, sondern in der Gemeinschaft bliebe. Genauso ließ Sankt Paulus Sankt Timotheus beschneiden, nicht, weil es nötig war, sondern damit er den schwachgläubigen Juden nicht Ursache gäbe zu bösen Gedanken; umgekehrt wollte er Titus nicht beschneiden lassen, als man darauf dringen wollte, er müsste beschnitten sein und dies wäre nötig zur Seligkeit. Und Christus in Matt. 17[,24-27], als von seinen Jüngern der Zinspfennig gefordert wurde, diskutiert er mit Sankt Petrus, ob nicht Königskinder frei wären, Zins zu geben. Und als Sankt Peter ja sagte, befahl er ihn dennoch, hinzugehen an das Meer und sprach: Damit wir sie nicht ärgern, so geh hin, den ersten Fisch, den du fängst, den nimm und in seinem Maul wirst du einen Pfennig finden, den gib für mich und dich. Das ist ein feines Beispiel zu dieser Lehre, da Christus sich und die Seinen freie Königskinder nennt, die keines Dinges bedürfen und sich doch freiwillig fügt, dient und den Zins gibt. So wenig nun wie das Werk Christi nötig war und gedient hat zu seiner Güte oder Seligkeit, so wenig sind alle anderen seiner und seiner Christen Werke ihnen nötig zur Seligkeit, sondern es sind alles freie Dienste um der anderen Willen und zu ihrer Besserung. Genauso sollten auch aller Priester, Klöster und Stifte Werke getan werden: dass jeder seines Standes und Ordens Werk allein darum täte, der anderen Willen zu entsprechen und seinen Leib zu regieren, den anderen Beispiele zu geben, auch so zu tun, nämlich jenen, die bedürfen, ihre Leiber zu bezwingen, doch allezeit vorsehen, dass man sich nicht vornimmt, dadurch gut und selig zu werden, welches alleine des Glaubens Vermögen ist. Auf diese Weise gebietet auch Sankt Paulus in Ro. 13[,1-7] und Tit. 3[,1], dass sie weltlicher Gewalt untertan und bereit sollen sein, nicht, dass sie dadurch gut werden können, sondern dass sie den anderen und der Obrigkeit damit frei dienten und deren Willen täten aus Liebe und Freiheit. Wer nun dieses Verständnis hätte, der könnte sich leicht ausrichten auf die | [C4r] unzähligen Gebote und Gesetze des Papstes, der Bischöfe, der Klöster, der Stifte, der Fürsten und Herren, die einige verrückte Prälaten so treiben, als wären sie nötig zur Seligkeit und nennen es Gebote der Kirche, jedoch zu Unrecht. Denn ein freier Christenmensch spricht so: Ich will fasten, beten, dies und das tun, was geboten ist, nicht, dass ich es bedarf oder dadurch wollte gut oder selig werden, sondern ich will es dem Papst, Bischof, der Gemeinde oder meinem Mitbruder, meinem Herrn zu Willen, Beispiel und Dienst tun und leiden, genauso wie Christus um meinetwillen viel größere Dinge getan und gelitten hat, die ihm viel weniger nötige waren. Und obwohl die Tyrannen Unrecht tun, solches zu fordern, so schadet es mir doch nicht, weil es nicht gegen Gott ist. «