Abschnitt 15-17 aus Luthers Freiheitsschrift

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» Zum 15.: Wie nun Christus die Erstgeburt innehat mit ihrer Ehre und Würde, so teilt er sie allen seinen Christen mit, dass sie durch den Glauben auch alle Könige und Priester sein müssen mit Christus, wie Sankt Petrus sagt in 1. Petr. 2[,9]: „Ihr seid ein priesterliches Königreich, und ein königliches Priestertum.“ | [B2v] Und das geht so zu, dass ein Christenmensch durch den Glauben so hoch erhaben wird über alle Dinge, dass er geistlich ein Herr aller Dinge wird, denn es kann ihm kein Ding zur Seligkeit schaden. Ja, es muss ihm alles untertan sein und zur Seligkeit helfen, wie Sankt Paulus lehrt in Röm. 8[,28]: „Alle Dinge müssen den Auserwählten zu ihrem Besten behelfen, es sei Leben, Sterben, Sünde, Gerechtigkeit, Gutes und Böses, wie man es auch nennen möchte.“ Ebenso in 1. Kor. 3[,21f.]: „Alle Dinge sind euer, sei es das Leben oder der Tod, Gegenwertiges oder Zukünftiges usw.“ Nicht, dass wir aller Dinge leiblich mächtig sind, sie zu besitzen oder zu gebrauchen, wie die Menschen auf Erden, denn wir müssen leiblich sterben und niemand kann dem Tod entfliehen; so müssen wir auch vielen anderen Dingen unterliegen, wie wir an Christus und seinen Heiligen sehen. Denn dies ist eine geistliche Herrschaft, die da in der leiblichen Unterdrückung regiert, das heißt: Ich kann mich ohne alle äußerlichen Dinge in der Seele aufbauen, sodass auch Tod und Leiden mir dienen und nützlich sein müssen zur Seligkeit. Das ist eine sehr hohe, ehrenvolle Würde und eine wirklich allmächtige Herrschaft, ein geistliches Königreich, da ist kein Ding zu gut, zu böse – es muss mit zum Guten dienen, so ich glaube; und ich bedarf dessen doch nicht, sondern mein Glaube ist mir genug. Siehe, was ist das für eine wertvolle Freiheit und Macht der Christen!


Zum 16.: Darüber hinaus sind wir Priester, das ist noch viel mehr als König sein, deshalb, weil das Priestertum uns würdig macht, vor Gott zu treten und für andere zu bitten. Denn vor Gottes Augen zu stehen und zu bitten gebührt niemandem als den Priestern. Ebendies hat uns Christus erworben, dass wir geistlich füreinander eintreten und bitten können, wie ein Priester für das Volk leiblich eintritt und bittet. Wer aber nicht an Christus glaubt, dem dient kein Ding zum Guten, er ist ein Knecht aller Dinge, muss sich über alle Dinge ärgern. Außerdem ist sein Gebet nicht angenehm, kommt auch nicht vor Gottes Augen. Wer kann nun die Ehre und Hoheit eines Christenmenschen ergründen? Durch sein Königtum ist er aller Dinge mächtig, durch sein Priestertum ist er Gottes mächtig, denn Gott tut, was er bittet und begehrt, wie geschrieben steht im Psalter: „Gott tut den Willen derer, die ihn fürchten, und erhört ihr Gebet“ [Ps. 145,19] – zu welcher Ehre er nur allein durch den Glauben und | [B3r] durch kein Werk kommt. Daraus erkennt man klar, wie ein Christenmensch frei ist von allen Dingen und über alle Dinge, so dass er keiner guten Werke dazu bedarf, dass er gut und selig sei, sondern der Glaube bringts ihm alles im Überfluss. Und wo er so töricht wäre und meinte, durch ein gutes Werk gut, frei, selig oder Christ zu werden, so verlöre er den Glauben mit allen Dingen, gleich wie der Hund, der ein Stück Fleisch im Mund trug und nach dem Spiegelbild im Wasser schnappte, und dadurch Fleisch und Bild verlor.


Zum 17.: Fragst du: Was ist denn für ein Unterschied zwischen den Priestern und Laien in der Christenheit, wenn sie alle Priester sind? Antwort: Es ist dem Wörtlein ‚Priester‘, ‚Pfaffe‘, ‚Geistlicher‘ und dergleichen Unrecht geschehen, dass man sie der Gemeinde wegnahm und auf die kleine Gruppe bezogen hat, die man jetzt den geistlichen Stand nennt. Die heilige Schrift kennt keinen anderen Unterschied, als dass sie die Gelehrten oder Geweihten nennt ministros, servos, oeconomos, das heißt: Diener, Knecht, Haushalter, die sollen den andern Christus, den Glauben und die christliche Freiheit predigen. Denn auch wenn wir wohl alle gleich Priester sind, so könnten wir doch nicht alle dienen oder haushalten und predigen. So sagt Sankt Paulus in 1. Kor. 4[,1]: „Wir wollen von den Leuten für nichts weiter gehalten werden, als für Christi Diener und Haushalter des Evangeliums.“ Aber nun ist aus der Haushaltung eine solch weltliche, äußerliche, prächtige, furchterregende Herrschaft und Gewalt geworden, dass die eigentliche weltliche Macht in keiner Weise mit ihr vergleichbar ist, gerade, als wären die Laien etwas anderes als Christenleute. Damit weggenommen ist der ganze Sinn christlicher Gnade, Freiheit, Glaubens und alles, was wir von Christus haben, und auch Christus selbst; dafür haben wir viele Menschengesetze und -werke bekommen, und sind ganz Knechte geworden der alleruntüchtigsten Leute auf Erden. «