Abschnitt 29-30 aus Luthers Freiheitsschrift

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» Zum 29.: Hieraus mag ein jeder ein gewisses Urteil und eine Unterscheidung unter allen Werken und Geboten vollziehen, auch welches blinde, verrückte oder vernünftige Prälaten sind. Denn welches Werk nicht darauf ausgerichtet ist, dem anderen zu dienen oder seinen Willen zu erleiden – sofern er nicht zwingt, gegen Gott zu handeln –, das ist kein gutes, christliches Werk. Daher kommt es, dass ich mich sorge, dass wenige Stiftskirchen, Klöster, Altäre, Messen, Testamente christlich sind, dazu auch das Fasten und Gebet zu einigen Heiligen für sich getan. Denn ich befürchte, dass in all dem ein jeder nur das Seine sucht, in der Annahme, damit seine Sünde zu büßen und selig zu werden. Dies alles kommt aus Unwissenheit des Glaubens und christlicher Freiheit und aufgrund einiger blinder Prälaten, die die Leute dahin treiben und solches Wesen preisen, mit Ablass schmücken und den Glauben nicht mehr lehren. Ich rate dir aber, willst du etwas stiften, beten, fasten, so tue es nicht in der Meinung, dass du dir wollest etwas Gutes tun, sondern gib es dahin frei, dass andere Leute es genießen mögen und tue es ihnen zugute – so bist du ein rechter Christ. Was sollen dir deine Güter und guten Werke, die dir übrig sind, um deinen Leib zu regieren und zu versorgen, da du genug hast am Glauben, darin dir Gott alle Dinge gegeben hat? Siehe, so müssen Gottes Güter aus dem einen in den anderen fließen und gemeinsam werden, sodass ein jeder sich seines Nächsten genau so annehme, als wäre er es selbst. Aus Christus fließen sie in uns, der sich unser angenommen hat in seinem Leben, als wäre er das gewesen, das was wir sind. Aus uns sollen sie in die fließen, die ihrer bedürfen; sogar soweit, dass ich auch | [C4v] meinen Glauben und meine Gerechtigkeit für meinen Nächsten vor Gott einsetzen muss, seine Sünde zu decken, auf mich zu nehmen und nicht anderes zu handeln, als wären sie meine eigenen – eben so, wie es Christus für uns alle getan hat. Siehe, das ist die Natur der Liebe, wo sie wahrhaftig ist. Da ist sie aber wahrhaftig, wo der Glaube wahrhaftig ist. Darum gibt der heilige Apostel der Liebe zu eigen, 1. Cor. 13[,5], dass sie nicht das Ihre sucht, sondern, was des Nächsten ist.


Zum 30.: Aus all dem folgt der Beschluss, dass ein Christenmensch nicht in sich selbst lebt, sondern in Christus und seinem Nächsten – in Christus durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe. Durch den Glauben fährt er über sich in Gott, aus Gott fährt er wieder unter sich durch die Liebe und bleibt doch immer in Gott und göttlicher Liebe, so wie Christus in Johan. 1[,51] sagt: „Ihr werdet noch den Himmel offen stehen sehen und die Engel auf und absteigen über den Sohn des Menschen.“ Siehe, das ist die rechte christliche Freiheit, die das Herz frei macht von allen Sünden, Gesetzen und Geboten, welche alle andere Freiheit übertrifft, wie der Himmel die Erde. «