28.05.17

#DigitaleKirche: Wo sind die Quellen?

Arbeitsmittel am Arbeitsplatz

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Nicht nur "Daumen Hoch", sondern auch an den Quellen überprüfen: Wie erhalten wir möglichst einfachen und möglichst zuverlässigen Zugang zum biblischen Zeugnis und zu den Schriften der Reformation in unserer elektronisch vermittelten Lebenswelt?

Bücher werden zu Turm gestapelt

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"Und wie wir wandern im finstern Digital" - der Journalist Hannes Leitlein hat ein Plädoyer für eine stärkere Beheimatung von Kirche in der digitalen Lebenswelt veröffentlicht und damit eine Debatte verstärkt, die seither unter den Schlagworten #DigitaleKirche und #SmartChurch geführt wird.(1) Aus den Erfahrungen mit "freiheit2017.net" heraus möchte ich einen Seitenaspekt dieser Diskussion beleuchten: Wo sind eigentlich die Grundtexte für Glauben und Kirche im Digitalen zu finden?

von Jakob (Mail / Twitter)

Eine Vorbedingung für die Reformation war die Erfindung der Massenfertigung: von Bibeln, theologischen Traktaten und polemischen Flugschriften, aber auch von Holzschnitten und Lehrbildern aus der Werkstatt Lucas Cranachs. Nie zuvor war es möglich gewesen, neue Ideen derart schnell und kostengünstig zu verbreiten, nie zuvor konnten so viele Menschen diese im Wortlaut in den Händen halten und sie auf Grundlage einer ebenfalls verfügbaren volkssprachlichen Bibel diskutieren. Ein theologisches Hauptanliegen der Reformation, die Orientierung von Predigt, kirchlicher Praxis, aber auch des Lebens der Menschen am Zeugnis der Heiligen Schrift kam hier in idealer Weise mit den neuen technischen Möglichkeiten zusammen und es traf auf das in ganz Europa verbreitete Bedürfnis zur Infragestellung hergebrachter kirchlicher, aber auch gesellschaftlicher und politischer Lebensformen.

Raubdrucke: Luther gegen "Fake News"

Eine gezielte kirchliche Medienstrategie war das nicht. Vielmehr verbreiteten sich schon die Thesen Luthers von 1517 auch deshalb so schnell, weil sie als "Raubdrucke", oftmals in schlechter Qualität, kopiert und von sicherlich nicht nur am theologischen Erfolg interessierten Druckern herausgegeben wurden. Wirtschaftliche Ergebnisse waren auch mit minderwertigen, weil ohne Nachkontrolle gesetzten Bibelkopien zu erlangen. Schließlich setzte Luther die von schnellen Raubdruckern schwer reproduzierbare "Lutherrose" vor die von ihm offiziell genehmigten Drucke - quasi ein frühneuzeitliches Siegel zur Bekämpfung von "Fake News".

Eine Theologie, welche die Bibel zum Prüfstein aller weiteren Glaubensaussagen machte, musste auch eine verantwortungsvoll herausgegebene Basis für diese Überprüfung anbieten. Und die Auslegungen der Schrift, seien es nun Bekenntnisse oder reformatorische Flugschriften, mussten ebenfalls in zuverlässigen Ausgaben vorliegen, sollten sie angemessen beurteilt werden können und nicht auf theologische Abwege führen. Und all dies musste in Formaten zu Verfügung stehen, welche größtmöglichen Zugang boten: in der Volkssprache, in erschwinglichen Drucken, gegebenenfalls bebildert und in erklärenden Zusammenfassungen, wie im kleinen Katechismus Luthers, den er auch als "kleine Biblia" bezeichnete.

Soziale Netzwerke der Reformationszeit

Die Schriften der Reformation hatten ihren durchschlagenden Erfolg nicht allein durch die verhältnismäßig hohe Zahl an Drucken, sondern weil sie Themen ansprachen, welche die Menschen in ihrem sozialen Umfeld bekanntmachen wollten. Selbst in Rom und am spanischen Hof Karls V. zirkulierten heimlich Drucke und immer wieder abgeschriebene Texte der Reformatoren. Man könnte auch sagen: die Menschen teilten das Gelesene mit ihren sozialen Netzwerken, ganz analog.

Da ist es verwunderlich, dass sich gerade die damals am häufigsten weitergegebenen Texte heute nicht mehr so einfach teilen lassen. Jedenfalls nicht an dem Ort, wo wir üblicherweise auf Artikel hinweisen: in den sozialen Netzwerken. Wer gibt heute Zeitungsausschnitte weiter? Wenn ich meine Eltern besuche, erwartet mich jedes Mal ein Stapel Papier, sonst erhalte und gebe ich Empfehlungen aber nur noch über Telegram, Twitter oder Facebook. Private Bücherregale werden seltener. Die erste Anlaufstelle für Informationen jeglicher Art ist das Internet. Wikipedia hat den Brockhaus vollständig verdrängt. Selbst mein siebzigjähriger Zahnarzt ist der Überzeugung: wenn Google nichts über die Reformation an seinem Wohnort findet, dann gab es sie nicht.

Was fehlt im Netz ?

An Bibelausgaben gibt es im Netz nun wirklich keinen Mangel. Allerdings arbeitet selbst die Mehrheit der mir bekannten Theologen auf dem Handy mit wissenschaftlich veralteten Bibelausgaben vom Anfang des letzten Jahrhunderts (Luther 1912, unrevidierte Elberfelder, NT Graece Tischendorfii), weil sich diese (etwa über das in vielen Apps integrierte "Sword-Projekt") einfach herunterladen lassen. Die Lutherbibel 2017 kann ich nicht einfach weitermailen oder in eine App integrieren. Wie wäre es mit einer freien Lizenz (bspw. Creative Commons) wie bei der "Offenen Bibel"? Immerhin: die Weitergabe der (neben der Einheitsübersetzung) momentan exegetisch aktuellsten deutschen Bibelübersetzung ist möglich, wenngleich über den Zwang auf kirchliche Websites und Apps unnötig eingeschränkt.

Anders ist dies im Fall der für den Protestantismus grundlegenden Texte, auf die weiterhin Pfarrer*Innen verpflichtet werden und die auch für Gemeindeglieder einfach zugänglich sein sollten. Selbst die reformatorischen Hauptschriften Luthers von 1520 sind im Internet nur unter großen Mühen oder in zweifelhafter Qualität erhältlich. Wer sie entziffern kann, mag die Fraktur-Edition der Weimarer Ausgabe herunterladen. Wahrscheinlicher greift sie oder er aber auf einen der vielen privat erstellten Luthertexte im Internet zurück.(2) In der Regel handelt es sich hier nicht um Luthers Originaltext, den auch wir in unserer Edition nur am Rand bieten, sondern um eine zugängliche Übertragung des Texts ins Neuhochdeutsche. Eine solche Übertragung muss aber für den Leser nachvollziehbar sein. Eine Angabe über (die tatsächlich vorhandenen) Kürzungen und Umarbeitungen der Texte fehlt jedoch selbst bei den Textbeispielen auf den offiziellen Seiten der EKD und der Bundesregierung.

Damit sind wir bei einer Situation angekommen, welche der des 16. Jahrhunderts nicht unähnlich ist: An dem Ort, wo Auseinandersetzung mit Texten vorwiegend stattfindet, im Internet, sind die Grundlagentexte unseres Glaubens nur erschwert (im Fall der Bibel) oder, wenn überhaupt, in unzuverlässiger Gestalt (reformatorische Texte) zu haben. Dazu kommt, dass in der hauptsächlichen Informationsquelle unserer Zeit, der Wikipedia, teilweise falsche Aussagen zum Thema Reformation zu finden sind. Ich korrigiere dort immer wieder Artikel und weise kirchliche Websites auf die ungeprüfte Übernahme fehlerhafter Inhalte hin. Dies ist beileibe kein Versäumnis der engagierten Ehrenamtlichen der Online-Enzyklopädie - ich selbst vermochte bislang auch nicht mehr zu leisten; aber wäre es nicht wünschenswert gewesen, wenn Kirche und theologische Fakultäten selbst Mitarbeiter abgestellt hätten, welche die Reformation betreffenden Einträge zusammen mit Ehrenamtlichen für das Jubiläumsjahr auf Vordermann gebracht hätten?(3)

Unser Projekt und seine Grenzen

Diese Wahrnehmungen standen am Anfang unseres Projekts "freiheit2017.net". Die wissenschaftlich verantworteten, neuhochdeutschen Übertragungen der Texte Luthers sind weithin Verlagseigentum und können nicht einfach im Internet veröffentlicht werden. Die Kirchen haben hier zwar diverse Druckrechte für das Reformationsjubiläum erworben und kostenlose Broschüren veröffentlicht, die Rechte zur digitalen Veröffentlichung aber ausgeklammert. Aus diesem Grund haben wir mit einem Team von Doktorand*Innen der Theologie den Originaltext von Martin Luthers Freiheitsschrift von 1520 neu transkribiert und, mit Erklärungen versehen, selbst in ein heutiges Deutsches gesetzt. Die Übertragung kann jederzeit mit dem Erstdruck abgeglichen werden. Sprachliche Schwierigkeiten werden erläutert.

Die täglichen Aufrufe der Editionsseite sind unerwartet hoch. Auf Anfragen nach weiteren Luther-Texten muss ich jedoch regelmäßig auf die ehrenamtliche Natur unseres Projekts und die gedruckte Insel- oder Aland-Ausgabe der Schriften Luthers verweisen. Wie schön wäre es, wenn die reformatorische Lehre, nach aktuellem theologischen Stand aufbereitet, auch im Internet für jede/n direkt zugänglich wäre. Ein Vorbild könnte das niederländische Projekt https://www.checkluther.com/ sein, welches genau das anstrebt.

Ein digitales Priestertum alle Gläubigen

In der Diskussion um die #DigitaleKirche ist die Bedeutung der Digitalisierung für das "Priestertum aller Gläubigen" umstritten: kann hier eine neue Community-basierte Form von Kirche entstehen, oder ist diese Vorstellung illegitim, da nach Art. 14 der Confessio Augustana nicht jede/r zur öffentlichen Verkündigung in den sozialen Netzwerken berufen ist?(1) Stellt eine Facebook-Gruppe Öffentlichkeit dar? Bevor diese Frage wichtig wird, gilt es meiner Ansicht nach eine andere zu klären: wie kann das Priestertum aller Gläubigen, ohne dass ein Verkündigungsaspekt in Spiel kommen muss, im digitalen Alltag ermöglicht werden? Wie erhalten wir möglichst einfachen und möglichst zuverlässigen Zugang zum biblischen Zeugnis und zu den Schriften der Reformation in unserer elektronisch vermittelten Lebenswelt, damit wir nicht nur theologische Artikel und Zitate liken, sondern diese auch an den Quellen überprüfen können?

 

________

(1)

Eine Zusammenfassung der Diskussion: https://www.nordkirche.de/nachrichten/nachrichten/detail/was-ist-eigentlich-digitalekirche.html

Eine Auswahl der Debattenbeiträge:

Auf dem Kirchentag 2017 in Berlin unter dem Motto #iphoneyougod: https://rundfunk.evangelisch.de/news/iphone-you-god

(2)

 (3)

Ein Vorbild könnte das (in letzter Zeit leider etwas eingeschlafene) "WikiProject Lutheranism" der englischen Wikipedia sein: https://en.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:WikiProject_Lutheranism