11.05.17

Freie Software/Open Source - ein kurzer Überblick

Freiheit? Da denke ich an Freie Software - an Software, an der jede*r mitentwickeln kann und die jede*r frei nutzen kann. Stephan Walter gibt einen kurzen Einblick, warum es sich lohnt, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Bitte beachten Sie die Anmerkung zu diesem Artikel.

Freiheit? Da denke ich an Freie Software: Stephan Walter

Dass Freiheit kein Begriff ist, der nur für Philosoph*innen und Theolog*innen interessant ist, liegt auf der Hand. Ganze Industriezweige werben um unser Freiheitsgefühl und versuchen, uns nicht einfach nur ihre Produkte anzupreisen, sondern ihre Produkte in unser freiheitliches Lebensgefühl einzubinden und uns daher an sie zu binden. Im Internet erfahren wir jedoch noch eine ganz andere Freiheit: Die weltumspannenden Kommunikationsmöglichkeiten ermöglichen es, dass sich Menschen zu verschiedensten Themen zusammenschließen, um miteinander zu kooperieren und Dinge zu erschaffen, für die sie in der Stadt, in der sie leben, nur wenige Mitstreiter*innen gefunden hätten. Ein Beispiel dafür ist die Bewegung (oder sollten wir besser von Bewegungen im Plural sprechen?), die sich um die Begriffe "Open Source", "Free Software" usw. gruppiert und gemeinsam an der Entwicklung und Verbreitung von Software in einer Weise arbeitet, die den gängigen proprietären Produktionsnormativitäten und all den damit zusammenhängenden Monopolisierungen entgegensteht. Es könnte sich also lohnen, sich damit einmal auseinanderzusetzen.

von Stephan Walter - Tübingen (Mail)

Was ist Software?

Wenn wir über Freie Software sprechen, möchte ich zunächst in Erinnerung rufen, was Software i. A. ist und wie diese entsteht: Software bezeichnet jede Art eines Computerprogramms. Egal ob Sie nun auf Ihrem Laptop das Office starten, auf Ihrem Smartphone eine Kurznachricht schreiben oder auf der Smartwatch die Uhr nachschauen. All das sind Computerprogramme, also Software. Software entsteht, indem Programmierende mit einer gewissen Programmiersprache ein Programm schreiben. Dies nennt man den Quellcode. Wenn Sie etwas an dem Programm ändern wollen, geht das nur über die Ebene des Quellcodes. Dieser Quellcode ist noch kein lauffähiges Programm. Dazu muss der Quellcode kompiliert und lauffähig gemacht werden. Sobald das Programm in eine lauffähige Datei verwandelt wurde, können Sie den Quellcode nicht mehr sehen. Durch Reverse Engineering, also „umgekehrte Entwicklung“ können Sie zwar versuchen, den Quellcode zu rekonstruieren, aber Sie werden niemals zu 100% den Quellcode erhalten, der dem fertigen Programm zugrunde liegt (zur Veriefung siehe den Wikipedia-Artikel "Software"). Ich betone das deshalb, weil es im Folgenden um genau die Frage nach dem Quellcode geht. Der englische Begriff für Quellcode ist source.

Eingeschränke Freiheit

Wenn wir ein Programm starten, kümmern wir uns im Allgemeinen nicht darum, wie der Quellcode aussieht. Warum auch? Das Programm funktioniert und bringt uns einiges an Nutzen. Programmiersprachen beherrschen die allermeisten von nicht, auch ich nicht, warum sollten wir uns also darüber Gedanken machen?
Wenn ein Unternehmen viel Geld und Arbeitszeit auf die Entwicklung eines Computerprogramms verwendet, gibt es in der Regel lediglich das fertige Programm aus der Hand. Auf den ersten Blick ist das alles schön und recht, da diese Firma immerhin das Programm entwickelt hat, Geld und Arbeitszeit investiert hat und daher über sämtliche Rechte am Quellcode und in der Folge auch am fertigen Programm verfügen kann, wie es will. Diese Software nennen wir proprietäre Software, also Software, die jemandes Eigentum ist und deren freie Nutzung vom Rechteinhaber eingeschränkt wird. Hier spielt es keine Rolle, ob die Software kostenlos ist oder nicht. Kostenlos nutzbare proprietäre Software ist genauso eingeschränkten Nutzungsbedingungen unterworfen wie Software, für die wir sehr viel Geld ausgeben. Bei kostenlos nutzbarer Software ist das oft die kommerzielle Nutzung, sie dürfen das Programm also privat verwenden, aber nicht beruflich.

Freie Software: free as in freedom, not as in free beer !

Im Gegensatz dazu wäre dann die „freie Software“, also free software, zu nennen. Dieser Begriff wird jedoch inzwischen oft vermieden, da er zumindest im Englischen, der lingua franca der Entwicklerwelt, auf den ersten Blick irritiert. Um Free Software von einfach kostenloser, aber proprietärer Software zu unterscheiden, betont man in der Szene gerne: „Not free as in free beer, but free as in freedom.“ Also nicht frei wie in Freibier, sondern frei wie in Freiheit (zur Vertiefung siehe die Wikipedia-Artikel "Open Source" und "Freie Software").

Was ist aber eigentlich so problematisch an proprietärer Software?

Ich gebe Ihnen zwei Beispiele, warum es m. E. wert ist, sich Gedanken darüber zu machen, wo meine Software herkommt oder woher nicht.

  • Beispiel 1: Whatsapp: Die meisten von Ihnen haben ein Smartphone und die allermeisten haben darauf mit Sicherheit die App „Whatsapp“ installiert und nutzen diese regelmäßig. Whatsapp ist proprietäre Software, sie wird entwickelt von der Firma WhatsApp Incorporated, die 2014 von der Facebook Incorporated gekauft wurde. Da es Bedenken der Nutzer gab, nun würden alle Daten an Facebook weitergeleitet und Facebook könne also noch umfassendere Nutzerprofile erstellen, konnten die Nutzer beim nächsten Update der Weitergabe der Daten an Facebook widersprechen. Der Witz an der ganzen Sache ist aber der: Wer will das überprüfen? Wer sagt mir, dass ich hier nicht einfach nur ein Häkchen gesetzt habe, das ins Nichts führt? Da der Quellcode nicht offen zugänglich ist, kann niemand überprüfen, ob meine Kommunikationsdaten und alles, worauf Whatsapp auf dem Handy sonst noch Zugriff hat (Bilder, Kontaktdaten, Dateien, etc.) nicht doch bei Facebook landen.

  • Beispiel 2: Apple: Der Hersteller hat es in den letzten Jahren geschafft, mit seinen Produkten einen ordentlichen Marktanteil zu erwirtschaften. Der Erfolg von Apple basiert dabei vor allem auf zwei Punkten: Zum einen verkaufen sie mit ihren Produkten ein elitäres Lebensgefühl, zum anderen und viel wichtigeren haben sie eine relativ geschlossene Softwarewelt auf ihren Produkten eingerichtet. Nehmen wir als Beispiel das iPhone: Auf iPhones können Sie nur Software installieren, die von Apple freigegeben wurde. Apple begründet das damit, die Sicherheit für die Nutzer*innen erhöhen zu wollen, indem sie Malware, Spamware und sonstige sog. „böse Software“ von den iPhones fernhält. Das hat aber natürlich Folgen für die Freiheit, die Software nutzen zu können, die Sie nutzen wollen. Wer ein iPhone nutzt, muss auch in anderen technischen Belangen auf Apple umsteigen, damit die Synchronisation reibungslos funktioniert und Sie von den Vorteilen, die diese geschlossene Welt bietet, profitieren. Hier geht es also um die Freiheit des Konsumenten, die Produkte nutzen zu können, die er oder sie nutzen will.
    Es geht aber nicht nur um diese Freiheit. Durch die Geschlossenheit dieses Software-Systems wird Apple zum idealen Kollaborateur totalitärer Regime. Sie halten das für eine paranoide Vision? Es ist längst Realität: In China hat Apple auf Drängen der chinesischen Regierung die App der New York Times aus dem Store entfernt (siehe die Meldung auf heise.de) Vor diesem Hintergrund mutet es geradezu ironisch an, dass in meiner Generation einer der Hauptgründe für den Wechsel zu Apple der war, sich von Windows und der totalitär anmutenden Marktdominanz Microsofts abzugrenzen.

Warum Open Source?

Unter anderem diese Beispiele für die Grenzen proprietärer Software sind für viele Nutzer*innen Auslöser, sich vermehrt mit den Themen Open Source und Free Software auseinanderzusetzen.
Software, die wir als Open Source oder „frei“ bezeichnen, meint Software, bei denen die folgenden Bedingungen zutreffen:

  1. Der Quellcode ist offen und frei zugänglich.
  2. Der Quellcode kann von jede*r Nutzer*in bearbeitet, weiterentwickelt und genutzt werden.

    1. indem man sich an dem Software-Projekt in die Entwicklung einbringt.
    2. indem man den Quellcode für die Entwicklung eines eigenen Programms nutzt. Das nennt man dann einen „Fork“, wörtlich: Gabel, also eine Abspaltung von dem ursprünglichen Projekt. Paradebeispiel dafür wären die Schwesterprojekte OpenOffice und LibreOffice. LibreOffice ist als Fork von OpenOffice entstanden.

Das fertige Programm kann von jeder*m zu den Zwecken genutzt werden, für die er*sie es braucht. Seien es nun kommerzielle oder auch private Zwecke.

Open Source: Community und Unternehmen ziehen an einem Strang

Wichtig ist mir hier die Bemerkung: Open-Source-Software heißt nicht, dass nur ehrenamtliche Programmierer*innen sich beteiligen dürfen. Gerade die großen Projekte wie z. B. LibreOffice oder OpenOffice sind Projekte, an denen sich auch Firmen beteiligen. In der Regel handelt es sich dabei um Firmen, die selbst die Software nutzen wollen und durch die Beteiligung an der Weiterentwicklung der Software ihre eigenen Nutzungszwecke in die Software einbringen wollen. Solange hier die Interessen der Community und der Firmen ausgeglichen sind und die Firma nicht die Interessen der Community ignoriert, kann das eine sehr fruchtbare Symbiose sein. Wenn die Firmen jedoch die Interessen der Community vermehrt ignorieren, kann das sehr schnell nach hinten losgehen. Auch hier bringe ich wieder das Beispiel von OpenOffice und LibreOffice. LibreOffice entstand deshalb als Fork von OpenOffice, weil die Interessen der Community in der Entwicklung kaum noch berücksichtigt wurden, sodass die Community kurzerhand beschloss, den Fork LibreOffice zu gründen.

Lizenzen/Rechtliche Bedingungen von Freier Software/Open Source

Damit dieses Gebilde funktioniert, wurde ein speziell auf die Bedürfnisse der freien Software-Entwicklung angepasstes Lizenzsystem entwickelt. Eine Lizenzierung ist v. a. deshalb wichtig, weil es das Rechtskonstrukt der „Gemeinfreiheit“ in vielen Staaten nicht oder nur eingeschränkt gibt. Gemeinfreiheit heißt, dass ein immaterielles Gut keinem Urheberrecht unterliegt, z. B. weil der Urheber bereits länger als 70 Jahre tot ist (Deutschland) oder weil der Urheber explizit auf die Urheberrechte verzichtet. Da die Möglichkeit dieses absoluten Verzichts auf Urheberrechte aber gerade in den kapitalistisch angelegten Staaten sehr umstritten ist, gehen Software-Projekte im Regelfall den Weg der freien Lizenzierung, also in einer Lizenz festgeschriebenen Freigabe der Urheberrechte. In der Regel sind das die GNU General Public License (Text), eine von BSD (Text) abgeleitete Lizenz oder aber auch eine andere freie Lizenz, in der die Nutzung und Weiterverarbeitung des offenen Quellcodes geregelt ist.

Es kann sogar das Paradoxon zugelassen werden, dass eine gemeinfreie Software durch Weiterentwicklung zu einer proprietären und Closed-Source-Software wird. Den bekanntesten dieser Fälle haben die meisten von Ihnen in Ihren Taschen, nämlich Smartphones auf Android-Basis, die seit einigen Jahren den Markt dominieren. Android an sich ist zwar ein auf Linux basierendes quelloffenes Betriebssystem, doch verwenden die meisten Smartphone-Hersteller die Freiheiten der Lizenz, um eine herstellereigene proprietäre Variante zu erstellen.

Die Idee der gemeinfreien Lizenzierung von immateriellen Gütern fand inzwischen übrigens auch auf Texte, Fotos, Musik u. ä. Anwendung. Am verbreitetsten ist hier die Lizenz der „Creative Commons“ (Website), also deutsch der „kreativen Allgemeingüter“. Hier kann ich zielgenau die Nutzungslizenz so zuschneiden, wie ich als Urheber das gerne hätte. Die Wikipedia wäre ohne diese Lizenzen kaum denkbar. So kann ich z. B. bei einem Foto, das ich ins Internet stelle, durch die CC-Lizenz definieren, dass es gerne weiterverwendet werden darf, solange ich als Urheber genannt werde und das Bild nicht bearbeitet werden darf. Ich kann kommerzielle Weiterverwendung erlauben oder untersagen. Ich kann das Foto komplett allgemeinfrei machen oder die Nutzung sehr restriktiv einschränken.

Open Source und offene Standards

Analog zum Gedanken des offenen Quellcodes sind auch offene Standards sehr wichtig. Diese garantieren, dass verschiedene Geräte von verschiedenen Herstellern mit unterschiedlichster Software miteinander kommunizieren und synchronisieren können, sodass ich eben nicht wie bei Apple dazu gezwungen bin, zusätzlich zum iPhone auch noch ein Macbook zu kaufen, sondern eben z. B. ein Smartphone von Motorola mit einem Android-Betriebssystem, einen Laptop mit einem Debian-Betriebssystem, einen Computer mit Windows 10 sowie einen Server mit CentOS-Betriebssystem miteinander kommunizieren zu lassen. Offene Quellcodes und offene Standards ermöglichen Transparenz, Vielfalt, Kreativität und Dezentralität. Sie wirken gegen Monopolisierungen, kundenfeindliche Intransparenzen und Preisabsprachen.

Im Archivkontext wird hier auch häufig noch der Gedanke der Nachhaltigkeit eingebracht, also die Frage, inwiefern Dateien, die ich heute abspeichere, auch noch in einigen Jahren mit einer eventuell anderen Software problemlos öffnen kann.

Beispiele für Open-Source-Software

Zum Abschluss möchte ich noch einige Software-Projekte nennen, die Open-Source-Projekte sind.

  • Linux: Das wohl umfassendste Beispiel sind die vielen Linux-Betriebssysteme. Die bekanntesten Beispiele für Linux-Betriebssysteme sind Debian, Ubuntu, openSuse und Knoppix, aber auch Android. Da Linux-Nutzer jedoch nur ungefähr einen Marktanteil von 2% ausmachen, werden folgende Beispiele vermutlich viel interessanter sein.
  • LibreOffice und OpenOffice sind die wohl am weitesten verbreiteten Versionen einer freien Office-Suite.
  • VLC ist vielseitiger Medienplayer, der sowohl auf Laptops, als auch auf Smartphones eine weite Verbreitung findet.
  • Mozillas Firefox und Thunderbird sind beliebte und weitverbreitete Alternativen zu proprietären Browsern und E-Mail-Programmen.
  • ownCloud und Nextcloud sind eine hervorragende Möglichkeit, sich eine eigene Cloud-Alternative aufzubauen und sich von proprietären Clouds mit zweifelhaften Speicherwegen loszusagen.


Weiterführende Links

Anmerkung

  1. Es handelt sich hier um einen für den Blog auf www.freiheit2017.net/www.knechtschaft2017.net überarbeiteten Beitrag beim Studientag am 29. April 2017. Unverändert ist weitestgehend der Fokus auf den Vorteilen von Open Source/Freier Software, da diese Zuspitzung für die weitere Diskussion gewollt war. Auch werden i. F. einige Sachverhalte verkürzend und stark vereinfachend dargestellt. Für vertiefende Informationen habe ich daher an einigen Stellen auf m. E. geeignete Seiten zur weiteren Lektüre verlinkt. Der Vortragscharakter wurde weitestgehend beibehalten.
  2. Ich verwende der Einfachheit halber in diesem Rahmen die Begriffe "Open Source (Software)" und "Free/Freie Software" weitestgehend synonym.
  3. Ich selbst nutze seit 2003 im privaten Kontext auf all meinen Computern und Laptops Betriebssysteme auf Linux-Basis und bin daher einigermaßen leidenschaftlich mit dem Thema verknüpft, auch wenn ich selbst mangels entsprechender Kenntnisse nicht bei der Entwicklung von Freier Software beteiligt war/bin.

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