10.05.17

Luthers Freiheitsschrift im Kontext

Prof. Dr. Reinhold Rieger (Evang. Theologie, Universität Tübingen) über "Von der Freiheit eines Christenmenschen" im Zusammenhang mit seiner Zeit, Luthers Denken und uns.

Fremd und aktuell zugleich: Luthers Freiheitsverständnis nach Reinhold Rieger. Foto: Hanni Fuchs.

Ein Text, der heute, 2017, wieder neu gelesen wird, ist Martin Luthers Traktat „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ aus dem Jahr 1520, geschrieben in einer Situation, in der die Freiheit seines Autors durch die kirchliche Androhung des Banns, Reaktion der römischen Kirche auf seine Kritik am Ablass, bedroht war. Luther fasste seine vor allem exegetisch gewonnene Glaubenseinsicht, die diese Kritik begründete und ihn zu weiterer Kritik am kirchlichen und weltlichen Leben zwang, im Begriff der Freiheit zusammen, der die Quintessenz des Christlichen zum Ausdruck bringen sollte. Diesen Begriff wählte er in einer Zeit, in der Städte Freiheit gegenüber Fürsten und Bischöfen, Stände gegenüber dem Kaiser, Nationen gegenüber dem Papst, Kleriker gegenüber dem Stadtregiment, Bauern gegenüber Fürsten erstrebten und in der Philosophen und Theologen über die Freiheit des Willens stritten. Wollte sich Luther an diesen Auseinandersetzungen um die Freiheit beteiligen?

von Prof. Dr. Reinhold Rieger - Professor für ev. Kirchengeschichte an der Eberhard-Karls Universität Tübingen (Website)

Luthers Freiheit: widersprüchlich, inhuman, verantwortungslos?

Mit dem Begriff der Freiheit knüpfte Luther jedenfalls an die Diskussionen seiner Zeit an, seine Quelle war aber die Bibel, besonders Paulus. Daraus ergab sich für ihn ein paradoxes Bild: Voraussetzung und Folge der christlichen Freiheit ist Unfreiheit. Der Mensch, so Luther, kann nicht wirklich frei werden, wenn er nicht gleichzeitig radikal unfrei gegenüber Gott ist, und er ist radikal frei, damit er unfrei im Dienst an den Menschen werden kann. Wie ist das zu verstehen? Diese scheinbare Paradoxie des Lutherschen Freiheitsverständnisses ist immer wieder missverstanden worden: Ist es nicht widersprüchlich, den Menschen als zugleich frei und unfrei zu erklären? Ist es nicht inhuman, den Menschen ganz von Gott abhängig zu halten, ihm eigene Freiheit abzusprechen und ihn für nichtig zu erklären, um ihm erst dann eine ihm fremde Freiheit zuzusprechen? Ist Freiheit für Luther etwas bloß Innerliches, das äußere Unfreiheit bestehen lässt? Ist er ein Mystiker, der die Versenkung in sich selbst übt, um sich innerlich frei zu fühlen, aber sich der äußeren Verantwortung entzieht? Wenn die Freiheit des Menschen gar nicht seine eigene, sondern die Gottes sein soll, ist der Mensch dann überhaupt noch verantwortlich für sein Tun? Ist Luthers paradoxe Lehre von der Freiheit nicht eine Art von Ideologie, die ein Streben nach weltlicher Macht zur Durchsetzung eigener Interessen vernebeln soll? Haben das die Bauern nicht ganz richtig verstanden, wenn sie sich im Krieg gegen die Fürsten auf Luther beriefen, um ihre Freiheit zu erkämpfen?

Quelle: Thomas Murner, Von dem großen lutherischen Narren, Straßburg 1522. Gemeinfrei.

Paradox: Unfreiheit ist Folge und Voraussetzung christlicher Freiheit

Luthers Traktat setzt ein mit der Doppelthese: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan“. Ein Widerspruch? Luther sieht den Menschen in zwei Dimensionen, zwei Relationssphären: in seiner Beziehung zum Bedingten, zur Welt, zu sich selbst, und in seiner Beziehung zu Gott, dem Grund, Sinn und Ziel des Seins. Wenn der Mensch beide Beziehungen miteinander verwechselt, dann hält er das Endliche für göttlich, das Begründete für den Grund, dann meint er seinen eigenen Sinn und Wert, seine Identität, selbst begründen zu können, aus sich selbst heraus frei zu sein. Das wäre aber ein Selbstwiderspruch, der den Menschen auf sich selbst zurückwürfe und in sich selbst gefangen hielte. Für Luther ist dies die Sünde, aus deren Knechtschaft sich der Mensch nicht aus eigener Kraft befreien kann. Befreiung aus dem Selbstwiderspruch des Menschen widerfährt ihm nur durch die geschenkte Beziehung auf seinen radikal externen Grund, den Luther Gott nennt und den er in Christus verkörpert sieht, dem Wort Gottes, das mit Gott eins ist. Diese Beziehung ist die voraussetzungslos gewährte Gnade Gottes, die den Menschen in seinem Sein und Sinn begründet und ihn von der Abhängigkeit von allem weltlich Äußeren, Bedingten, Endlichen befreit, und sei es auch das eigene Innere.

Ein Austausch der Eigenschaften von Mensch und Christus

Der Modus, in dem der Mensch diese Freiheit erfährt, ist für Luther der Glaube, unter dem er keine rationale oder emotionale Erkenntnis oder willentliche Zustimmung zum Wort Gottes versteht, sondern die von Gott selbst geschaffene Beziehung des Menschen zu ihm, die sich im Vertrauen auf Christus als dem Wort Gottes, das durch die Heilige Schrift und die Verkündigung erfahrbar wird, vollzieht. Der Glaube macht den Menschen frei von der Gefangenschaft in sich selbst und von der Unfreiheit gegenüber der Welt, indem er ihm die Freiheit, die eigentlich nur Gott zukommt, durch die Vermittlung Christi zuteilwerden lässt. Luther versteht die Erlösung des Menschen durch Christus als Austausch der Eigenschaften: Christus übernimmt die Unfreiheit des Menschen, die im Tod kulminiert, der Mensch bekommt die göttliche Freiheit Christi, das ewige Leben, zugesprochen. Soweit die erste These. Die zweite folgt daraus: Die Freiheit, die aus der radikalen Unfreiheit Gott gegenüber gewonnen wird, führt zu einer neuen Unfreiheit, der Glaubende wird zum Knecht aller, er dient ihnen in der Liebe. Luther unterscheidet Glaube und Liebe so voneinander, dass er sie einander neu zuordnen kann: Die Liebe ist nicht Vollendung des Glaubens, sondern Wirkungsweise des Glaubens. Der Glaube, die freie Beziehung zum alles begründenden Grund, setzt nicht die Liebe voraus, er setzt sie aus sich heraus. Der Mensch ist befreit vom Zwang zur Selbstbegründung durch eigene Tugend und Leistung, die ihm Anerkennung verschaffen sollen, und kann deshalb frei das Gute um des anderen Menschen willen tun, ohne es für eigene Zwecke missbrauchen zu wollen. Insofern sind die beiden Thesen komplementär: Freiheit setzt Unfreiheit voraus und bringt sie hervor.

Der Sinn des Paradoxen

Luthers Lösung des Freiheitsproblems setzt auf eine radikale Unfreiheit des Menschen, die ihn paradoxerweise radikal frei macht von sich selbst und zu sich selbst, von anderen und für andere. Nicht durch Selbstverwirklichung gewinnt der Mensch seinen Sinn, vielmehr verwirklicht sich in ihm ein anderer, der für Luther Gott in Christus ist und der den Menschen von seiner Verstrickung in sich selbst befreit und ihm ein neues Sein, eine neue Identität, eine neue Ausrichtung seines Handelns verleiht. Luthers Freiheitslehre ist weder inkonsistent – sie führt neue Unterscheidungen ein –, noch inhuman – sie zeigt, wie der Mensch seine Identität findet –, noch mystisch – sie weist den Menschen aus sich heraus –, noch quietistisch – sie ruft ihn zu freiem verantwortlichem Handeln –, noch ideologisch – sie deckt ihre Voraussetzungen auf und pocht auf die klare Unterscheidung zwischen Weltlichem und Geistlichem. 

Rieger: Der Glaube befreit den Menschen zu sich selbst für andere. Foto: Hanni Fuchs

Fremd und aktuell zugleich

Luthers Freiheitsverständnis ist uns dennoch fremd, es steht in Spannung zu der modernen Subjektivierung der Freiheit als Anliegen und Aufgabe des einzelnen und ihrer Objektivierung als politisches, soziales, ökonomisches Recht, es widerspricht ihrer postmodernen Verabsolutierung oder Relativierung. Aber von ihm gehen Impulse aus, die bis heute nachwirken: die Freiheit, um die es ihm geht, verhindert eine Verabsolutierung des Endlichen und hält den Menschen offen für seinen nicht aus Endlichem abzuleitenden Grund. Bei allen Inkonsequenzen Luthers, der Lutheraner, der Protestanten, ja der Christen, die aus dieser Freiheit zu leben beanspruchten, aber doch wieder Zwang ausübten oder sich selbst unfrei machten, hat diese Lehre von der Freiheit zumindest untergründig mit dazu beigetragen, die Begriffe der Glaubens- und Gewissensfreiheit, der Toleranz, der freien Entfaltung der Persönlichkeit zu entwickeln. Die Heteronomie, die mit dem Bezug auf Gott gemeint ist und die Voraussetzung für Autonomie ist, macht den Menschen nicht von einer endlichen Macht abhängig, sie entzieht vielmehr den Menschen der Versklavung durch das Endliche und befreit ihn zu sich selbst für andere. Insofern ist diese Freiheitslehre ein Impuls für die autonome Ethik Kants wie für die Religionskritik Feuerbachs geworden. Die scheinbar retardierende Tendenz der Anthropologie Luthers, die den Menschen nicht aus sich selbst begründet sieht, widerspricht vielleicht doch nicht den Anliegen des Humanismus und der Aufklärung.