01.06.17

Luthers unfreier Wille ?

Buchkapitel

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Luther und Freiheit ‒ war da nicht noch was anderes? Genau, fünf Jahre nach der Freiheitsschrift schreibt Luther ‚De servo arbitrio‘ ‚Vom unfreien Willen‘, worin er sich aus anderer Perspektive mit der Freiheitsthematik auseinandersetzt.

Kreuz

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Luthers Schrift ist eine Antwort auf ein Buch, dass der bekannte Humanist und Gelehrte Erasmus von Rotterdam 1524 veröffentlicht hatte. In diesem Werk mit dem Titel ‚Vom freien Willen‘ vertritt Erasmus die Position, wonach der menschliche Wille frei ist, sich für oder gegen Gott zu entscheiden. Darauf antwortet Luther dann 1525 mit dieser ausführlichen Schrift ‚Vom unfreien Willen‘, in der er Erasmus nicht nur widerspricht, sondern dies auch noch auf sehr polemische Art und Weise tut, so dass es zum Bruch zwischen Erasmus und Luther kommt, aber sich auch viele andere Humanisten von Luther abwenden.  Worum geht es nun in dieser Schrift ‚Vom unfreien Willen‘?

von Jonas (Mail)

Luther kritisiert hier unter anderem Erasmus‘ allgemeine Haltung, die mehr auf Frieden als auf Wahrheit aus ist, und dessen Schriftverständnis, der Schwerpunkt liegt aber auf der Frage, ob der menschliche Wille irgendetwas zum Heil beitragen kann. Kann der Mensch sich von sich aus für oder gegen Gott, für oder gegen das Heil entscheiden? Schon die Frage an sich ist für Luther immens wichtig, damit sind Grundlagen des christlichen Glaubens angesprochen. Er ist nun von seiner Rechtfertigungslehre her der Meinung, dass der Mensch gar nichts zu seinem Heil beitragen kann ‒ also auch nicht durch seinen Willen.

Gottes Gnade: alles hängt daran

Kann der Mensch dann überhaupt etwas? Luther sagt zunächst einmal: Nein, nicht in Bezug auf das Heil. Und dabei meint er nicht nur, dass der Mensch ohne die Gnade Gottes nicht aus eigenen Kräften zum Heil kommen kann, sondern auch, dass zur Gnade nichts mehr zusätzlich notwendig wäre, der Mensch diese also nicht erst noch annehmen müsste. Alles hängt für Luther von Gottes Gnade ab.

Der Wille ist dabei für Luther nicht einfach zu schwach, sondern grundlegend ‚falsch ausgerichtet‘: Ohne die Gnade und den Heiligen Geist handelt der Mensch aus seinem Willen heraus, also ‚freiwillig‘, böse; er kann diese Ausrichtung nicht von sich selbst ändern. Dagegen, durch die Gnade und den Heiligen Geist handelt der Mensch dann ebenso ungezwungen und freiwillig, nur in diesem Fall will er das Gute. In diesen Zusammenhang gehört auch das ‒ meiner Meinung nach überzogene und viel zu oft herangezogene ‒ Bild vom menschlichen Willen als Lastesel, der in der Mitte zwischen Gott und dem Teufel stehe: wer auf ihm sitzt, der gibt die Richtung an.

Kein freier Wille ? So einfach ist das nicht...

Also gar kein freier Wille des Menschen? Naja, hier differenziert Luther: Einen freien Willen im strengen Sinne hat für ihn nur Gott allein. Und wie eben gesehen hat der Mensch auch in Bezug auf das Heil keine freie Entscheidungskraft. Aber Luther sagt auch, dass in Bezug auf die Dinge, die dem Menschen untergeordnet sind, der Mensch durchaus eine Entscheidungsfreiheit des Willens hat (also etwa, wie ich mein Geld verdiene, was ich heute anziehe, wo ich wohne…); nur eben nicht in Dingen, die ihm übergeordnet sind.

Warum sieht Luther das nun so? Will er den Menschen einfach klein halten? Das würde ich nicht so sagen. Luther will vermeiden, dass dem Menschen Göttlichkeit zu geschrieben wird; die hätte dieser nämlich, wenn er selbst Gottes Werk und Gottes Wort wollen oder nicht wollen könnte. Aber ich denke, dahinter steht auch eine Entlastung der Glaubenden: Denn wenn das Heil vom ‚freien Willen‘ des Menschen abhängt, dann impliziert das, dass derjenige, der sich dafür entschieden hat, sich auch jederzeit wieder dagegen entscheiden kann; oder auch, dass man in Zweifeln sich fragt, ob man sich wirklich dafür entschieden hat. Indem Luther die Entscheidung ganz auf Gott und dessen Gnade verlagert, befreit er den Menschen von dem Druck, selbst für sein Heil verantwortlich sein zu müssen - freilich mit der Nebenwirkung, dass nun natürlich die Frage im Raum steht, was denn mit denen sei, denen Gott nicht die Gnade schenke.

 

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Zur Vertiefung:

    • Der Text zum Lesen: De servo arbitrio / Vom unfreien Willen, in: Martin Luther. Lateinisch-Deutsche Studienausgabe. Band 1: Der Mensch vor Gott. Unter Mitarbeit von Michael Beyer herausgegeben und eingeleitet von Wilfried Härle, Leipzig 2006, S. 219-661. Die deutsche Übersetzung ist von Athina Lexutt.
    • Ein Digitalisat der lateinischen Erstausgabe: reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10194126_00002.html
    • Deutsche Übersetzung nach Johann Georg Walch: www.glaubensstimme.de/doku.php
      [Bitte beachten: diese Ausgabe stammt aus dem 19. Jahrhundert und entspricht nicht dem aktuellen wissenschaftlichen Stand. Vgl. den Blogbeitrag zu Luther-Quellen im Internet.]

  1. Zur einfachen Einführung: Athina Lexutt: Artikel De servo arbitrio, in: Volker Leppin / Gury Schneider-Ludorff (Hg.): Das Luther-Lexikon, Regensburg 2014, S. 155f.